Die Instrumente waren das Problem. So lautete noch am Wochenende die grüne Verteidigungsformel. Das hieß: Die Visapolitik selbst und also die Ministerebene waren tadellos - nur ganz unten, vor der Botschaft, gab es Missbrauch wg. der Instrumente. Das müsse allerdings untersucht werden. Im Übrigen werde Fischer zur Sache erst vor dem Untersuchungsausschuss Stellung nehmen.

Diese Verteidigung ist durchbrochen. Im Untersuchungsausschuss konnten die Vertreter von Rot-Grün den Einklang von Volmer-Erlass und Rechtslage nicht überzeugend nachweisen. Der zeitliche Zusammenhang von Schleuser-Kriminalität und Erlasslage im Auswärtigen Amt wird hingegen immer deutlicher.

Innenminister der Länder präsentierten Briefe mit ihren frühzeitigen Warnungen vor der Visa-Politik und Fischers abwehrende Antworten. Auch geraten nun Missstände in anderen Botschaften ins Visier. Die Affäre weitet sich aus. Inzwischen äußern Portugal und Spanien den Verdacht, es sei womöglich das Schengen-Abkommen missachtet worden. Sogar auf EU-Ebene wird nun ermittelt.

Das Dilemma von Fischer hat sich zugespitzt. Der öffentliche Druck wächst.

SPD und Grüne in NRW fordern seine Aussage noch vor der Wahl im Mai. Fischer kann nur noch reagieren. Aber wie? Vergangene Woche hatte die rot-grüne Mehrheit im Untersuchungsausschuss durchgesetzt, dass er gerade nicht am Anfang vorgeladen wird. Das lässt sich nicht einfach umstoßen. Außerdem: Redet er, hat er ein Problem. Er muss einerseits ein möglichst frühes Datum für seine Kenntnis der Missstände nennen. Sonst könnte er allzu leicht widerlegt werden. Aber je früher das Datum, desto weniger stimmt seine Behauptung, er habe gehandelt, als er Bescheid wusste.

Zugleich wächst die Kritik an Otto Schily, der frühzeitig warnte, aber die Visapraxis duldete (Otto, der Weiche). Der Innenminister schweigt bislang, weil er sonst den Kanzler belasten müsste, der einen Kabinettsstreit zugunsten von Fischer unterbunden hat. Die Opposition will jetzt auch den Kanzler im Ausschuss vorladen. Die CDU zeigt sich weitgehend diszipliniert und vermeidet es, rhetorisch zu überdrehen. Der Ausschuss beginnt in dieser Woche mit der Befragung der BKA-Experten. Ein denkbarer und gefährlicher Zeuge, Roland Lohkamp, Botschafter in Luxemburg, wird öffentlich genannt. Er war in der strittigen Zeit von 1999 bis 2002 im AA zuständig für Visafragen.

Und er hatte vor einer allzu freigebigen Praxis gewarnt. Das Uhrwerk der Affäre ist um eine Stelle weitergerückt.