Einer Studie der EU-Kommission zufolge hinken deutsche Grundschüler beim Fremdsprachenerwerb Schülern aus anderen europäischen Ländern hinterher. Mit der Universität Tübingen haben Sie die Einführung von Fremdsprachen an Grundschulen in Baden-Württemberg wissenschaftlich begleitet. Warum sollen Kinder möglichst früh mit einer Fremdsprache in der Schule beginnen oder gar mit zwei, wie etwa in Luxemburg und Schweden?

Jedes Jahr, das später mit dem Fremdsprachenlernen begonnen wird, ist ein verlorenes Jahr, didaktisch und wirtschaftlich. Mehrsprachigkeit ist die Normalsituation auf der Welt. Das Schulsystem, das wir gegenwärtig haben, ist hierfür leider nicht geeignet. Ebenso wenig die Ausbildung der Lehrkräfte - abgesehen von Ausnahmen wie das Europa-Lehramt der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe.

Kritiker sagen, früher Fremdsprachenunterricht sei belastend für die Schüler, vor allem für ausländische Grundschüler. Deutsch würde dabei zu kurz kommen?

Das ist eine grobe Fehleinschätzung. Die Kinder sind nicht das Problem. Die Erwachsenen machen das Sprachenlernen zu einem Problem, weil sie selber schlechte Erfahrungen haben. Kinder mit nichtdeutscher Muttersprache sind bei gleichem sozioökonomischem und soziokulturellem Hintergrund gegenüber monolingualen deutschen Kindern im Vorteil. Und es kommt noch etwas anderes dazu - eine kluge Politikerin sagte hier einmal in Bern: Demokratie beginnt bei der Kenntnis von drei Sprachen.

Wie reagieren Kinder im frühen Alter auf eine Fremdsprache?

Sie sind begeistert, neugierig und offen - wenn die Sprachlehrerin glaubwürdig ist. Sie lernen in der Interaktion, durch die Interaktion, für die Interaktion und tauchen vollkommen in die andere Sprache ein. Je jünger sie sind, desto ungehemmter probieren sie eine neue Sprache aus, wenn sie in einer Handlung und in einer Situation auftritt, die sie verstehen. Nicht immer nur Liedchen singen und mit Handpuppen spielen. Algebra oder Geometrie in Französisch, ein Zoobesuch in Englisch - bilingualer Unterricht wäre ideal. Kinder denken über eine Sprache nach, erkennen Sprachstrukturen und formulieren Sätze wie: I am ball spieling. Das heißt, sie haben eine grammatische Regel verstanden und wissen, wie eine Sprache funktioniert.

Brauchen wir also eine andere Lehrerausbildung und kompetente Fachlehrer für den Sprachunterricht an der Grundschule?