Das hat ja fast schon Sektencharakter", empörte sich Alice Schwarzer am Tag nach der Wahl in Schleswig-Holstein über die Unerschütterlichkeit des grünen Milieus. Schwarzer, die schon im Kopftuchstreit die Liberalität der Grünen attackiert hatte, staunt jetzt über deren Kritiklosigkeit in der Visa-Affäre. Die Lässigkeit, mit der da ukrainischen Menschenhändlern das Handwerk erleichtert worden sei, und die Sturheit, mit der die Partei ihre laxe Einreisepolitik auch noch rechtfertige, macht Deutschlands prominenteste Feministin ratlos: "Die Grünen kann offenbar nichts erschüttern."

So ist es nicht mehr. Denn so sehr sich die grüne Führung in den vergangenen Tagen gegen die Visa-Affäre gestemmt hat, dämmert auch ihr mittlerweile die Dramatik der Lage: Der Außenminister, ihr großer Zampano, tritt kleinlaut auf wie selten zuvor. Parteichefin Claudia Roth bebt weiter vor Empörung über die miese Kampagne des politischen Gegners, ohne irgendwo Gehör zu finden. In der jüngsten Fraktionssitzung appellierten die einen verzweifelt, man dürfe jetzt bloß nicht einknicken. Andere haben zwar auch keine Lösung, aber ahnen schon, dass Durchhalteparolen auch nicht mehr weiterhelfen. Plausible Vorschläge zur Verbesserung der Lage gibt es nicht. Selbst das Albtraumszenario eines Fischer-Rücktritts ist nicht mehr absurd genug, um nicht schon leisen Schrecken zu verbreiten.

Bei den Grünen liegen die Nerven blank. Wenige Wochen nach den Feiern zum 25-jährigen Gründungsjubiläum finden sie sich in einer heillosen Lage. In einer Art triumphalistischen Defensive haben sie sich gegen alle berechtigten wie unberechtigten Vorwürfe aus der Visa-Affäre immunisiert. In dem hochtrabenden Ton, den nur die Grünen beherrschen, wurden alle Vermutungen zurückgewiesen, die gut gemeinte rot-grüne Einreisepolitik habe auch allerlei unakzeptable Folgen mit sich gebracht. Dass Joschka Fischer und seine Partei, wenn auch unbeabsichtigt, Menschenhandel, Schleuserei oder Zwangsprostitution begünstigt haben könnten, erschien den Grünen, allen voran Parteichefin Claudia Roth, schlicht als "absurde Unterstellung". Doch die Unterstellung hat verfangen, und die Fragen an Fischer und seine Partei werden plötzlich drängender.

Was würde aus der Partei, wenn Fischer abhanden käme?

Kein prominenter Grüner findet bislang einen Ausweg aus der Wagenburg. Zwischen der zur Schau gestellten Empörung über die Boshaftigkeit des politischen Gegners und den diffizilen Argumentationsketten, mit denen die Partei nun doch gern in die inhaltliche Debatte einsteigen würde, gibt es keine rechte Verbindung. Erst haben sich die Grünen gegen alle Vorwürfe verschlossen, nun scheint es, als verschließe sich die Öffentlichkeit ihrerseits den späten grünen Erklärungsversuchen. Entlastende Kriminalitätsstatistiken, Mitverantwortung der Kohl-Regierung oder andere Argumentationshilfen – derzeit will den Grünen offenbar niemand mehr zuhören. Sie selbst haben mit ihrer demonstrativen Abwehr die Preise in die Höhe getrieben. Fast scheint es, als sei unterhalb eines Schuldeingeständnisses die Wiederaufnahme der Debatte schon nicht mehr zu haben.

Nur einmal in ihrer jüngeren Geschichte haben sich die Grünen in einer ähnlich hermetischen Situation befunden, im Frühjahr 1998. Damals hatte der grüne Parteitag in Magdeburg beschlossen, im Zuge der ökologischen Modernisierung der Republik sei in absehbarer Zukunft ein Benzinpreis von fünf Mark pro Liter durchaus angemessen. Das war provokativ gemeint und sollte, ein halbes Jahr vor der Bundestagswahl, den Grünen ein wenig Aufmerksamkeit sichern. Die bekamen sie dann auch. Eine Welle der Empörung schwappte über die Partei, die – wie jetzt in der Visa-Affäre – zuerst mit erschrocken-sturer Abwehr reagierte. Erst als ihr das Risiko für die nahende Bundestagswahl dämmerte, begann sie allerlei Girlanden um den spektakulären Programmpunkt zu winden. In der Öffentlichkeit drangen die Grünen auch damals kaum mehr durch. So folgte der grünen Provokation eine öffentliche Reaktion, die selbst hysterische Züge trug. Ein paar Wochen lang sah es so aus, als müsse sich das Land gegen eine heraufziehende grüne Erziehungsdiktatur wappnen. Ein halbes Jahr später schaffte es die Partei dennoch in die Regierung. Danach verlor sie vier Jahre lang eine Wahl nach der anderen. Sicher nicht nur wegen Magdeburg. Aber der 5-Mark-Beschluss war die Ouvertüre.

Im überheblichen Spiel mit der Öffentlichkeit ist die Partei seither sehr viel vorsichtiger geworden. Ohnehin haben sich die Grünen in sechs Regierungsjahren einer Art Totalrevision unterzogen. Vom hochfahrend oppositionellen Gestus und von den provokativen Inhalten ist wenig geblieben. Die Partei hat sich ihrer Vergangenheit entledigt. Zwar amüsiert sie sich, wie kürzlich bei den Jubiläumsfeiern, gern noch mit den Filmen, in denen ihre wilden Jahre zu sehen sind – der naiv-triumphale Einzug in den Bundestag oder die erbitterten Kämpfe der Achtziger. Doch was verbindet die nüchtern funktionierende Regierungspartei mit den überschäumenden Gründerjahren? Nicht viel! Das hatte lange einen erleichternden Klang: Realismus, Verantwortung, Politikfähigkeit. Nur andererseits: Wie zukunftsfähig wären die Grünen, wenn ihnen plötzlich der langjährige Zuchtmeister Fischer abhanden käme? – Nicht nach oben entschwebend, in ein höheres Amt, nach Brüssel oder New York, sondern ganz prosaisch, durch seinen Sturz? Ein Schuss von Panik mischt sich da in die spätwinterliche Stimmung.

Den missionarischen Eifer, die bebende Empörung über den Zustand der Welt, die Gewissheit, selbst immer die richtigen Antworten zu geben, das haben sich die Grünen abtrainiert. Und doch glaubt man in den aktuellen Auftritten, etwa der Parteichefin, den frühen Gestus wieder zu erkennen. Partout will sie sich nicht auf den Gedanken einlassen, die eigene Politik der besten Absicht könne auch inhumane Folgen haben. Plötzlich gilt an der Spitze der grünen Regierungspartei wieder das Primat des Gutgemeinten. Die Verunsicherung aus der Visa-Affäre produziert Rückfälle in die Vergangenheit. Grüne, wie man sie zu lange kannte: selbstgerecht, aufbrausend, erbittert – als ginge es wieder, wie früher, ums Ganze.