Eine junge Frau ist ermordet worden, in einer Montagnacht an einer einsamen Bushaltestelle in Berlin-Tempelhof. Solche Dinge kommen leider vor, und meist dringen sie kaum über die Rubrik "Vermischtes" hinaus. Doch über dieser Tat kommt die Hauptstadt seit zwei Wochen nicht mehr zur Ruhe.

Im Gegenteil, diesmal nimmt das Entsetzen mit dem Abstand zum Ereignis noch zu. Die Grausamkeit und Kaltblütigkeit des Verbrechens an der ausnehmend schönen jungen Frau spielen dabei sicher eine Rolle. Aber hier geht es längst um mehr. Dieser Fall wirft ein Schlaglicht auf den Zustand des Einwanderungslandes Deutschland. Kann es sein, dass wir gerade riesige Rückschritte bei der Integration der türkischen Einwanderer machen? Sind türkische Familien mitten in Deutschland ein rechtsfreier Raum für Tausende junger Mädchen und Frauen? Ist das Frauenbild des Islams mit unserem Werte- und Rechtssystem unvereinbar? Oder ist die moralische und ökonomische Verwahrlosung einer kulturell fremd gebliebenen Unterschicht das Problem? Und was geht eigentlich in den Köpfen junger türkischer Männer vor, für die "deutsche Frau" offenbar ein Synonym für "Hure" ist? Dies sind die Fragen, die jetzt die Öffentlichkeit auch weit über die Hauptstadt hinaus bewegen.

Was ist geschehen? In der Nacht des 7. Februar trafen mehrere Schüsse die 23-jährige Hatun Sürücü aus nächster Nähe in Kopf und Oberkörper, sodass sie noch am Tatort starb. Die Ermittler sprechen von "einer Art Hinrichtung". Das Opfer war durch einen Anruf zum Treffpunkt gelockt worden. Alles deutete daher auf eine "Beziehungstat" hin.

Nach wenigen Tagen konzentrierte sich die Fahndung auf die Familie Sürücü. Die junge Frau hatte im vergangenen Jahr einen ihrer Brüder angezeigt, weil er sie bedroht hatte. Drei Brüder der Ermordeten wurden verhaftet. Haben sie die Schwester gemeinsam hingerichtet? Der Jüngste von ihnen, der 18 Jahre alte Hauptverdächtige, soll sich nach der Tat seiner Freundin anvertraut haben.

Noch gibt es zwar kein Geständnis und keine Zeugen, und auch von der Tatwaffe fehlt jede Spur. Doch drei türkischstämmige Schüler der Thomas-Morus-Oberschule, die nur wenige hundert Meter vom Tatort enfernt liegt, bekundeten in der letzten Woche ihre Billigung der Tat mit den Worten, Hatun Sürücü habe ja schließlich "wie eine Deutsche" gelebt. Wer "wie eine Deutsche" lebt, hat also den Tod verdient? Der Schulleiter machte die "Hetze und Respektlosigkeit" seiner Schüler in einem offenen Brief publik. Es kam heraus, dass die Jungen zuvor schon aufgefallen waren, weil sie immer wieder Mädchen beleidigten und provozierten, die kein Kopftuch trugen. Das Entsetzen über die Tat vermischt sich seither mit dem Entsetzen über die moralische Verrohung der jungen Männer, die sie gutheißen und sich dabei offenbar im Einklang mit den Werten ihrer Gemeinschaft fühlen.

Hatun wurde mit 15 in der Türkei mit ihrem Cousin verheiratet

Hatun Sürücü ist in Berlin als Kind türkisch-kurdischer Eltern aufgewachsen. Mit 15 Jahren wurde sie von ihren Eltern in der Türkei mit einem Cousin verheiratet. Sürücü trennte sich von ihrem Mann und ging schwanger zurück nach Berlin. Als sie 17 war, wurde ihr Sohn Can geboren. In Berlin legte sie, wie einer ihrer Brüder am 11. Februar gegenüber der islamistischen türkischen Zeitung Zaman erklärte, das Kopftuch ab: "Sie begann, mit Mutter, Vater und uns zu streiten. Einmal hat sie sogar die Polizei gerufen, weil sie angeblich unter Druck gesetzt wurde. Danach ging sie in ein Heim und lebte dort eine Zeit lang. Unterdessen hielt ich weiter (…) den Kontakt aufrecht und bot ihr an, in unsere Familie zurückzukehren. Doch ich erhielt keine positive Antwort. Vor drei Jahren habe ich den Kontakt abgebrochen. Damals hatte meine Schwester wie eine Fremde zu leben begonnen. Sie hatte sich einen neuen Freundeskreis aufgebaut. Sie sagte, sie wollte ihren Partner selbst aussuchen. Wir wissen, dass sie mit den drei bis vier Personen, die wir kennen, jeweils vier bis fünf Monate zusammen war."

In einem Mutter-Kind-Heim machte Hatun ihren Hauptschulabschluss nach, später absolvierte sie eine Ausbildung zur Elektrotechnikerin. Im März dieses Jahres hätte sie ihre Gesellenprüfung ablegen sollen. Sie wird von Nachbarn als freundliche, selbstbewusste, zielstrebige junge Frau beschrieben. Sie hatte viele Freunde, ging gern aus und hatte einige Liebesgeschichten, auch mit deutschen Männern. Sie war tapfer und lebenslustig, und sie kam als alleinerziehende Mutter zurecht, gegen viele Widerstände. Sie war dank ihrer eigenen Zähigkeit und Tüchtigkeit kurz davor, ein Musterbeispiel für den Sinn von Sozialarbeitsmaßnahmen zu werden.