amerika Kultur der Angst

Das Land der Pioniere und Abenteurer wird zu einer Gesellschaft der Versicherer und Angestellten. Amerika gängelt im Kampf gegen den Terrorismus seine Bürger

Es gab im Krieg G. W. Bushs gegen das Böse im Irak zwei gute Tage. Der erste war der Tag, an dem die Statuen von Saddam Hussein in Bagdad geschleift wurden. Ich erinnere mich des Zwiespalts, in den mich die Bilder aus dem Frühjahr 2003 stürzten. Ich hatte mich in seltener Übereinstimmung mit fast 90 Prozent meiner Landsleute gegen den Krieg erklärt. Gleichwohl spürte ich beim Anblick der – in manchen deutschen Medien sogleich als »gestellt« denunzierten – Bilder eine tiefe Genugtuung. Ein Diktator und Menschenschinder weniger auf der Welt – war dies etwa keine gute Nachricht? Andererseits: War ein Gegner des Krieges eigentlich berechtigt, sich über einen Tyrannensturz zu freuen, der zweifellos ein Ergebnis dieses Krieges war?

Zufällig traf ich in jenen Tagen Arthur Miller in New York, der als einer der vehementesten Gegner der Invasion in den Irak aufgetreten war. Was er beim Anblick der Bilder vom Sturz der Saddam-Hussein-Statuen empfunden habe, fragte ich.

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»Ich habe gejubelt«, erwiderte Arthur Miller, sichtlich erstaunt über meine Frage.

Aber er sei doch gegen die amerikanische Invasion gewesen, entgegnete ich.

Arthur Miller sah mich belustigt, fast ein wenig besorgt an: »Und bin es immer noch. Selbstverständlich kann ich den Krieg ablehnen und trotzdem über den Sturz Saddam Husseins jubeln. Falls wir uns solche Widersprüche nicht gestatten, stecken wir bereits in der Falle. Wer ideologisch denkt, hört auf zu denken. Er sollte morgen in einen Country-Club eintreten und für den Rest seines Lebens Golf spielen. Denn bevor er auch nur zu denken anfängt, weiß er schon, was er denken soll.«

Ich weiß nicht, ob Arthur Miller noch vor seinem Tod die Wahl im Irak verfolgt hat. Aber ich bin ziemlich sicher, er hätte sich über diesen zweiten guten Tag in der Geschichte des Irak-Kriegs ebenso gefreut wie über den ersten. Trotz Gefahr für Leib und Leben gab eine Mehrheit von Irakern ihre Stimme ab und zeigte den Terroristen und den Skeptikern in aller Welt, was ihr die erste freie Wahl in ihrer Geschichte wert war. Der Wahltag im Irak war zweifellos ein Tag des Sieges gegen den – erst durch den Krieg in den Irak importierten – islamistischen Terrorismus. Und selbstverständlich müssen die Europäer aus ureigenem Interesse mehr tun, als dem fragilen Demokratiebeginn im Irak die Daumen zu drücken.

Sicherheitsmaßnahmen als Herrschaftsinstrument

Aber es ist auch ein Sieg des Terrorismus in den USA zu verzeichnen. Viele, die nach dem Attentat vom 11. September 2001 spontan von einer »historischen Zäsur«, gar von einem »neuen Zeitalter« gesprochen haben, müssten sich angesichts des Missbrauchs, den die Bush-Leute seither mit dieser Formel getrieben haben, nachträglich auf die Zunge beißen. Denn die Rede von der »neuen Zeit«, »den neuen Feinden« und »den neuen Regeln« ist zum Gospel der Radikalen im öffentlichen Dienst geworden, die derzeit die Geschäfte im Weißen Haus führen.

Man hört ein gewisses zärtliches Vibrato, wenn die republikanischen Senatoren und die Abgeordneten – die anders als im Vietnamkrieg keine Söhne, Neffen oder Enkel unter den Gefallenen zu beklagen haben – ihr Motto beschwören: »Wir sind im Krieg.« Denn der Krieg gegen einen unsichtbaren Feind, der kein Territorium hat, überall zuschlagen kann, keine regulären Truppen kommandiert und keine Regel kennt, hat sich als ein ideales und fantastisch flexibles Herrschaftsinstrument erwiesen.

Den weitaus wichtigsten Dienst hat dieses Instrument den Bush-Leuten bereits geleistet. Unter den seriösen Analytikern in den USA bezweifelt niemand mehr, dass der alte und neue Präsident seinen Wahlsieg vor allem dem fear factor zu verdanken hat: der Angst vor dem Terrorismus und dem Glauben der Wähler an Bushs unbedingten Willen, die Nation zu verteidigen. Nur so lässt sich das Rätsel erklären, dass Bush das bisherige Desaster des Irak-Kriegs politisch überlebt hat. Bekanntlich haben sich ja nicht nur die offiziell vorgebrachten Kriegsgründe als falsch erwiesen; der Krieg selbst ist nach Meinung der meisten amerikanischen Wähler inkompetent geführt worden und nicht wert, was er gekostet hat. Nur durch die permanente Mobilisierung der Angst vor einem neuen Anschlag konnte es Bushs Wahlkampfleiter Karl Rove gelingen, den verfehlten Krieg im Irak gleichsam als Prunkstück im Krieg gegen den Terrorismus zu verkaufen. Im Schatten der ständig beschworenen Terrordrohung und der »neuen Zeit« ist es dann auch gelungen, in der ältesten Demokratie der Welt die Folter wieder hoffähig zu machen – und ihren Verfechter Alberto Gonzales zum Justizminister zu befördern.

Es liegt auf der Hand, dass die Angst vor dem Terrorismus – das prekäre Fundament von Bushs zweitem Wahlsieg – ständiger Nacharbeit und Aktualisierung bedarf. Da die Gefahr kein Gesicht hat, nicht datierbar und nicht lokalisierbar ist, kann man sie fast nach Belieben auf »orange alert« oder »red alert« stellen oder auch herunterstufen. Ob etwa ein als »gefährdet« eingestuftes Gebäude oder ein Platz durch vier, vierzig oder vierhundert Polizisten gesichert werden muss, entzieht sich dem Urteil des Bürgers, am Ende auch des Einsatzleiters. War es notwendig oder lächerlich, dass die Chefköche am Abend der Vereidigung des Präsidenten ihre Messer nicht zu den zahllosen Elite-Partys mitnehmen durften, zu denen sie das Fleisch lieferten?

In Flughäfen, Museen, Sportanlagen hat sich ein Tonfall durchgesetzt, der jeden Bürger zum Befehlsempfänger macht; wer sich einen Scherz erlaubt, riskiert Gefängnis. Millionen von Flugzeugpassagieren müssen sich beim Sicherheitscheck in den USA die Schuhe ausziehen, weil ein Terrorist vor einigen Jahren Sprengstoff im Absatz hatte – warum müssen sie das nicht in Europa? Im Flugzeug darf der Fluggast seinen Platz eine halbe Stunde vor der Landung, in anderen Fällen eine halbe Stunde nach dem Start »aus welchem Grund auch immer« nicht mehr verlassen – eine Begründung für diese Maßnahme wird nicht gegeben. War es jemals sinnvoll, Nagelscheren und Pinzetten beim Einchecken zu kassieren? Schon die Frage danach macht verdächtig.

Das Gefühl, dass man eigentlich immer und überall bedroht ist, beschränkt sich logischerweise nicht auf Flughäfen und auf Flugzeuge. Die Terroristen und vor allem die Homeland Security denken weiter. Was ist zum Beispiel mit den etwa 500000 Schulbussen in den USA, die jeden Morgen und jeden Nachmittag Millionen von Schülern transportieren? Als die Frage vor kurzem von einem CNN-Reporter aufgeworfen wurde, waren die befragten Schuldirektoren ratlos. Aber es war klar: In Zukunft würde jeder Schuldirektor, der besorgten Eltern auf diese Frage keine Antwort zu geben wüsste, seinen Job riskieren.

Wo verläuft die Grenze zwischen begründeter Furcht und Wahn?

Warum werden die Passagiere von Zügen nicht ebenso rigorosen Sicherheitschecks unterworfen wie Fluggäste? Oder die Benutzer von UBahnen? Oder Autofahrer, die eine der berühmten Brücken in San Francisco und New York passieren? Ganz zu schweigen von den Millionen von Containern, die im Hafen von Los Angeles auf Lastwagen und Güterzüge umgeladen werden – Container, in denen rund 80 Prozent der amerikanischen Importe transportiert werden.

Nur selbstzufriedene Demagogen wie Michael Moore und seine allzu vielen europäischen Bewunderer bestreiten, dass solche Ängste realistisch sind. Aber wo genau verläuft die Grenze zwischen begründeter Furcht und hellem Wahn?

Wie und bis zu welchem Grad kann sich eine Gesellschaft gegen eine allgegenwärtige und diffuse Drohung absichern, ohne das Leben zu einer bloßen Sicherheitsveranstaltung zu pervertieren? Wer die Antwort auf diese Frage den Sicherheitsbeamten überlässt, hat schon verloren. Die Bush-Administration, die – unter Berufung auf ihre evangelikale Klientel – eine Kultur des »Lebens« (gegen die Abtreibung) vertritt, macht ihr Geschäft mit der Angst vor dem Megatod. Das messianische Versprechen auf einen Endsieg im Kampf gegen den Terrorismus führt zu einer Kultur der Angst – ein Wort, das in den USA bisher als unübersetzbar galt. Die Abwehrmaßnahme gegen die Gefahr wird zu einem Beweis für die Gefahr. Aus dem Land der Pioniere, Eroberer und Abenteurer scheint eine Gesellschaft von Versicherern und Anwälten zu werden. Wer sich nicht vorsieht, verdächtige Vorkommnisse nicht meldet und sich nicht versichert, ist selbst schuld. Eine merkwürdige Umkehrung der historischen Stärken und Schwächen der amerikanischen Lebenskultur scheint sich zu vollziehen. Die Doktrin vom präventiven Krieg ist dabei, sich im Inland in ein Rezept für ein präventives Leben zu verwandeln.

Peter Schneider lebt als Schriftsteller in Berlin. Sein neuer Roman »Skylla« erscheint im März 2005 bei Rowohlt, Berlin

 
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