Längst gehören die Journalisten zu den Mächtigsten im Lande. Gegen die Schlagzeilen der Presse kann kein Politiker regieren und kein Unternehmen bestehen", hat der Journalist und Publizist Wolf Schneider unlängst formuliert, und Jürgen Leinemann, langjähriger Reporter des Spiegels, brachte es auf den Punkt: "Die politischen Journalisten – die wirklich politischen Journalisten, die dem richtig verfallen sind –, die sind schon genauso im Geschäft wie die Politiker auch. Die wollen es wissen, die wollen mitreden." Wollen sie nur mitreden, oder wollen sie beeinflussen, Macht ausüben? Teile der Medien verstehen sich immer mehr als Politikgestalter, Teile der Politik meinen, diesen Begehrlichkeiten Rechnung tragen zu sollen. Man schaukelt sich gegenseitig hoch. Und die "Kunden", sie verstehen Medien und Politik immer weniger.

Medien entscheiden wesentlich mit über die öffentliche Wahrnehmung, sie prägen in beachtlichem Ausmaß die öffentliche Meinung. Aber sie haben kein Mandat zur Machtausübung. Sie sind von niemandem gewählt, und sie werden auch von niemandem inhaltlich so kontrolliert, dass sich daraus Einfluss auf die tagesaktuelle Arbeit ergeben könnte. Selbst für fehlerhafte Berichterstattung wird in aller Regel niemand zur Rechenschaft gezogen, tagesaktuell formulierte Einschätzungen, die sich als völlig falsch erweisen, haben kaum Konsequenzen. Es handelt sich also um eine Macht ohne Kontrolle im engeren Sinne – und um eine immense Macht dazu.

Eine einschneidende Veränderung des politischen Journalismus der letzten Jahre ist der Trend zum Themenhopping. Hektisch wird ein Thema nach dem anderen hochgezogen, sodass neben dem jeweiligen Topthema auch wichtige Dinge keinen sonderlichen Stellenwert mehr haben. Die Reduzierung auf ein Thema und die exzessive Berichterstattung sorgen für falsche Gewichtung. Bedeutendes fällt hinten runter, Komplexes wird abgedrängt. Unter der Dominanz der Berichterstattung und der Bilder muss dem normalen Zuschauer das Maß verloren gehen.

Das Themenhopping korrespondiert unmittelbar mit dem "Sofortismus", dem vermeintlichen Anspruch der Medien, für alle neu auftauchenden Probleme – erst recht für solche, die im Rahmen des Themenhoppings nach oben "geschossen" werden – abschließende Lösungen präsentiert zu bekommen. Das Leben aber wird demgegenüber, man mag es ja bedauern, immer komplexer und komplizierter. Es gibt immer mehr Probleme, für die es keine sofortige Lösung gibt und immer mehr Vorschläge, zu denen man nicht sofort eine fundierte und vor allem abschließende Meinung parat hat. Manchmal lässt sich der Eindruck gewinnen, je komplizierter die Frage, desto schneller werden einfache und schnelle Lösungen abgefragt, ja abverlangt.

Es gibt nicht für jedes Problem die sofortige, 15-sekündige Antwort

Ein selbstkritischer Journalismus sollte sich prüfen, ob er der Politik nicht mehr Zeit lassen müsste. Gerade angesichts der Kompliziertheit der heutigen Probleme ist es nicht altmodisch, sondern klug, wenn Politik sich kompetente Fachleute holt, Fragen stellt, sich klug redet, abwägt – und sich dann erst mit Antworten an die Öffentlichkeit wendet. Es gibt nicht auf jede Herausforderung die sofortige, 15-sekündige und schlüssige Antwort – und Politiker sollten auch bereit sein, das zu sagen.

Immer wieder werden von manchem politischen Journalisten interessante, aber auch skurrile oder gar undurchführbare Vorschläge geboren – frei nach dem Motto: "Lass dir etwas einfallen, und suche dir einen Politiker, der es öffentlich vertritt." Legendär sind die "Initiativen", Mallorca zum 17. deutschen Bundesland zu machen oder Gaststätten, die nicht wenigstens ein deutsches Gericht auf der Speisekarte ausweisen, mit einer "Pizza-Steuer" zu belegen. Unvergessen auch die Forderung eines Ausgehverbotes für Jugendliche nach 21 Uhr oder der Vorstoß, wonach Auslandsurlaub nur noch alle fünf Jahre möglich sein sollte. Während solche Skurrilitäten das geneigte Publikum vielleicht noch zu unterhalten vermögen, wird es gefährlicher, wenn in regelmäßigen Abständen vermeintlich oder tatsächlich gute Vorschläge präsentiert werden, die dann jedoch im politischen Nichts enden, enden müssen. Das gilt für verschiedene Vorschläge zu einer Länderneugliederung, kredenzt von Politikern, die sehr wohl wissen, dass weder Bremen noch das Saarland und sicher auch nicht Schleswig-Holstein oder Rheinland-Pfalz bereit sein werden, sich selbst aufzulösen.

Ähnliches gilt für die regelmäßig erhobene Forderung nach der Bündelung aller Landtagswahlen. Sie ist völlig unrealistisch, weil Wahlperioden in rechtlich völlig unvertretbarem Ausmaß massiv gekürzt oder verlängert werden müssten. Die Bürgerinnen und Bürger aber finden solche Initiativen gut, ja überfällig. Umso mehr ärgern sie sich darüber, dass solche Vorschläge in regelmäßigen Abständen gemacht werden, die Politik aber nicht einmal eine solche vermeintliche Kleinigkeit, ja Selbstverständlichkeit umzusetzen vermag. So ergibt sich ein kleines Teil im großen Puzzle der Politikverdrossenheit.