Taschenbuch

Modernisierungsverlierer

Louis-Ferdinand Céline: "Tod auf Kredit"

Als Jugendlicher, nach England entsandt, kaufte ich mir dort das Buch eines französischen Autors. Ich kannte seinen Namen nicht, aber der Titel des Buches war unwiderstehlich: Death on the Installment Plan. Das klang bürokratisch, roch nach gut geführten, aber faden Listen und doch: der Tod… Von dem Buch hatte ich mir über fünfunddreißig Jahre lang eine bestimmte Konstellation ganz genau gemerkt: Da war ein erbärmlicher Vater eines erbärmlichen Sohnes, und sie kämpften, jeder auf seine Art, um nichts als um den Lebensunterhalt.

Aber das Schicksal des Vaters packte mich: Der nämlich arbeitete bei einer Versicherung und hatte eine so schöne Handschrift, dass ihn sein Vorgesetzter, der wohl eine Klaue hatte, bis aufs Blut quälte. Aber eines Tages wurde das Maschinenschreiben eingeführt, und eine alte Fähigkeit, die dem Versicherungsangestellten auch nicht gerade zum Vorteil gereichte, die aber seinen Stolz ausmachte, war wertlos geworden. Der Angestellte, ein nicht nur am Sohn, sondern an allen Umständen des Lebens leidender Mann, lieh sich eine Schreibmaschine aus und übte, so oft er konnte. Sein Heim, wo auch die Mutter des abscheulichen Sohnes wohnte, erzitterte unter den Anschlägen auf der riesigen Maschine. Das habe ich mein Leben lang nicht vergessen: die Erbärmlichkeit und den aussichtslosen Kampf. Death on the Installment Plan, also die Literatur, hat mir damit gegen die Wissenschaft geholfen: Immer wenn ein wohlbestallter Professor im Fernsehen den Quickie von einer Gesellschaftsanalyse verrichtet und wenn er dabei seine Sprechblasen mit dem Wort »Modernisierungsverlierer« ausstaffiert, hämmert einer in meinem Kopf auf eine Schreibmaschine ein.

Der Rowohlt Taschenbuchverlag hat Tod auf Kredit von Louis-Ferdinand Céline neu aufgelegt, wahrscheinlich im Zuge des Erfolgs von Célines Reise ans Ende der Nacht. Ich sage hier nichts zur großartigen Reise, auch nichts über den verruchten Autor – vielleicht nur die eine Bemerkung, dass seine antisemitischen Scheußlichkeiten aus den vierziger Jahren, überhaupt seine Kollaboration mit den Nazis auch aus dem einfachen Tatbestand herrühren könnten, dass Kunst nicht nett ist, weshalb manche ihrer Produzenten in seelische Verwicklungen geraten, ins moralische Abseits. Célines zutiefst demokratischer Ansatz, dass alle Menschen gleich sind, und zwar gleich hinterfotzig, gleich verhurt und verkommen, gleich beduselt und größenwahnsinnig, ist in seinen großen Büchern geradezu marxistisch an die Darstellung von gesellschaftlichen Verhältnissen gebunden, die ständig den Unterschied von Arm und Reich als einen absoluten Unterschied produzieren.

Dieses Buch zählt zu den besten Büchern, die je geschrieben wurden

Gegen diese Welt war der »Sozialstaat« eine politische und ökonomische Antwort. Célines derzeitige Renaissance hat nicht zuletzt mit Befürchtungen zu tun, dass diese Welt wiederkehrt. Aber es gilt auch, dass die generelle, ausgeübte, wie auch am eigenen Leib und an der eigenen Seele erfahrene Menschenverachtung leicht einen Drall bekommen kann: Plötzlich findet man seine Erlösung darin, eine spezifische Gruppe für alle anderen zu hassen: »die Juden«. Mit solch einer Wahl erspart man sich die unvermeidlichen Probleme, die man bekommt, wenn man alle hasst, und man kann außerdem den Hass konzentrieren, damit durch Streuung nichts von ihm verloren geht. Man hasst einfach die einen, während man mit den anderen – am besten mit denen, die an der Macht sind – gemeinsame Sache macht.

Widerlich! Tod auf Kredit zählt wie die Reise zu den besten Büchern, die auf dieser Welt jemals geschrieben worden sind. Zum Beispiel gibt es da eine Stelle, wo der erbärmliche Sohn von seinen Eltern, die wieder einmal für eine große familiäre Anstrengung den letzten Groschen zusammengekratzt haben, nach England entsandt wird. Der Taugenichts – als er dort erscheint, geht er keinesfalls sofort in sein Internat, sondern er treibt sich herum. Der Text wird psychedelisch, die Herumtreiberei löst sich vom Sprachlichen, löst sich in Sinneseindrücke auf. Man schaut auf diese Seiten wie auf ein Gemälde, an dem man plötzlich keine Einzelheiten mehr erkennt, weil einen das Ganze total in Anspruch nimmt. Im Großen und Ganzen geht es in diesem Buch ums Elend, wie man dadurch abstumpft, aber auch gewitzt wird. Da scheitert ein großartig angegangenes Unternehmen ums andere, die Menschen strampeln sich und einander im Lebenslauf zu Tode, aber hin und wieder findet sich einer, der im Untergang und im Rausch fast schon glaubwürdig schreit: »Die Ereignisse befreien mich.«

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  • Von Franz Schuh
  • Datum
  • Quelle (c) DIE ZEIT 24.02.2005 Nr.9
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