Angenommen, es wäre ganz still in Deutschland. Man würde nur gelegentlich das Geschrei der Kinder hören. Von kleinen, von größeren Kindern. Man könnte zusehen, wie Kinder Fortschritte machten, wie sie wüchsen. Es gibt ja kaum etwas Ansteckenderes, als zu beobachten, wie frohgemut und hoffnungsvoll Kinder in die Zukunft blicken.

Wenn es still wäre in Deutschland, könnte man sich auf die Kinder konzentrieren. Auf deren Charme und Kraft. Auf die Möglichkeit, mit Kindern zusammen vieles noch mal neu zu erleben. Menschen, die keine Kinder haben, würden denken, dass ihnen etwas fehlt. Sie würden sich nicht davon abschrecken lassen, dass Kinder auch Mühe machen. Das weiß nämlich jeder. Auch die Kinderlosen waren mal Kind.

Aber es ist nicht ruhig. Im Gegenteil: Eine andere Personengruppe erzeugt einen enormen Lärm. Es sind die Eltern, die alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Je jünger, desto lauter sind sie. Mütter rufen in die Welt hinaus, wie schwer es sei, Selbstverwirklichung und Kindererziehung unter einen Hut zu bringen. Mütter jammern darüber, wie sehr ihr Selbstbewusstsein unter der Hausarbeit leide. Väter kündigen heroisch an, sie würden natürlich Vaterschaftsurlaub nehmen – und tun es dann doch nicht. Väter jammern darüber, sie wären ohne Kind im Beruf viel erfolgreicher, weil sie ja das Wochenende und die Abende zu Hause sein müssten und wollten. Und Mütter und Väter singen im Gleichklang landauf, landab, ihr Sexleben sei ohne Kinder besser gewesen.

Das war früher anders. Eltern haben genervt wegen ihrer Erziehungsmethoden. Wegen ihrer altertümlichen Ansichten. Und weil sie sich oft nicht richtig einstellen konnten auf neue Zeiten. Aber in einer Sache haben die Eltern von damals, die heutigen Groß- und Urgroßeltern, alles richtig gemacht: Sie waren einfach selbstverständlich Eltern, ohne das eigene Selbstverständnis dauernd definieren zu müssen.

Das ist die eigentliche Rolle der Eltern, sich als Individuen zurückzuhalten. Kinder möchten, dass ihre Eltern da sind, dass sie sich um sie kümmern, dass sie ihnen helfen, wo sie können. Eltern haben so etwas zu sein wie der perfekte Dienstleistungsbetrieb. Kinder wollen sich keine Gedanken machen müssen über die Seelenlage ihrer Eltern. Dies ist übrigens für Kinder das Stressigste bei Scheidungen. Eltern rücken in den Mittelpunkt, Eltern weinen, streiten. Eltern werden zu Persönlichkeiten mit schwierigem Innenleben. Kinder müssen sich entscheiden, wen sie lieber haben, zu wem sie ziehen möchten, mit wem sie ihr Wochenende verbringen wollen. Das Ende einer Unschuld: Die Eltern von Scheidungskindern verlieren ihre beruhigende Selbstverständlichkeit.

Irgendwann Mitte der Achtziger muss es losgegangen sein. Die Generation der nach innen gekehrten Egozentriker bekam Kinder. Und natürlich wurde von da an jeder Schritt zelebriert. Die werdenden Väter und Mütter gingen plötzlich gemeinsam in die Schwangerschaftskurse. Und der Mann war von nun an natürlich auch bei der Geburt dabei. Sicher, eine tolle Sache für den Mann, für die Frau. Dem Kind ist es wohl ziemlich egal.

Wenn es nur so weitergegangen wäre, das Feiern des Kinderglücks. Doch irgendwann begannen die Schwierigkeiten der Erziehungsberechtigten. Im Grunde haben dies die Kinderlosen nie so wirklich verstanden. Okay, es ist nicht schön, wenn man dauernd zu wenig Schlaf hat. Aber wird das nicht aufgewogen von der Tatsache, dass ein Wesen plötzlich zu sprechen beginnt? Klar kann es ein Problem sein, wenn man nicht mehr so häufig ins Theater kommt. Aber ist die Wirkung eines Kindes nicht doch eher stabilisierend, weil man sich nicht mehr heftig wie vorher die Frage nach dem tatsächlichen Sinn des Lebens stellen muss?

Das Klagekonzert der Eltern. Mal klingt es einfach: Zu wenig Kindergeld, zu wenige Betreuungsplätze. Mal klingt es sozialkritisch: Die kinderfeindliche Gesellschaft. Interessanter ist es, zu beobachten, was Eltern alles unternehmen, um vor allem über sich selbst reden zu können. Zum Beispiel der Krieg der Mütter: Die frühere Chefredakteurin der Brigitte, Anne Volk, erzählte mal in einem Interview, dass es unter Müttern früher eine Grundsolidarität gegeben habe. Damit sei es vorbei: Mütter stritten sich heftig über die Frage, ob es nun besser sei, ganz zu Hause bei den Kindern zu bleiben oder doch zumindest zeitweise wieder zu arbeiten. Wer ist die bessere Mutter?