ANTWORT I Nervende Eltern

Vorige Woche kritisierte Bernd Ulrich die kinderlosen Akademiker – hier antwortet einer von ihnen

Angenommen, es wäre ganz still in Deutschland. Man würde nur gelegentlich das Geschrei der Kinder hören. Von kleinen, von größeren Kindern. Man könnte zusehen, wie Kinder Fortschritte machten, wie sie wüchsen. Es gibt ja kaum etwas Ansteckenderes, als zu beobachten, wie frohgemut und hoffnungsvoll Kinder in die Zukunft blicken.

Wenn es still wäre in Deutschland, könnte man sich auf die Kinder konzentrieren. Auf deren Charme und Kraft. Auf die Möglichkeit, mit Kindern zusammen vieles noch mal neu zu erleben. Menschen, die keine Kinder haben, würden denken, dass ihnen etwas fehlt. Sie würden sich nicht davon abschrecken lassen, dass Kinder auch Mühe machen. Das weiß nämlich jeder. Auch die Kinderlosen waren mal Kind.

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Aber es ist nicht ruhig. Im Gegenteil: Eine andere Personengruppe erzeugt einen enormen Lärm. Es sind die Eltern, die alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Je jünger, desto lauter sind sie. Mütter rufen in die Welt hinaus, wie schwer es sei, Selbstverwirklichung und Kindererziehung unter einen Hut zu bringen. Mütter jammern darüber, wie sehr ihr Selbstbewusstsein unter der Hausarbeit leide. Väter kündigen heroisch an, sie würden natürlich Vaterschaftsurlaub nehmen – und tun es dann doch nicht. Väter jammern darüber, sie wären ohne Kind im Beruf viel erfolgreicher, weil sie ja das Wochenende und die Abende zu Hause sein müssten und wollten. Und Mütter und Väter singen im Gleichklang landauf, landab, ihr Sexleben sei ohne Kinder besser gewesen.

Das war früher anders. Eltern haben genervt wegen ihrer Erziehungsmethoden. Wegen ihrer altertümlichen Ansichten. Und weil sie sich oft nicht richtig einstellen konnten auf neue Zeiten. Aber in einer Sache haben die Eltern von damals, die heutigen Groß- und Urgroßeltern, alles richtig gemacht: Sie waren einfach selbstverständlich Eltern, ohne das eigene Selbstverständnis dauernd definieren zu müssen.

Das ist die eigentliche Rolle der Eltern, sich als Individuen zurückzuhalten. Kinder möchten, dass ihre Eltern da sind, dass sie sich um sie kümmern, dass sie ihnen helfen, wo sie können. Eltern haben so etwas zu sein wie der perfekte Dienstleistungsbetrieb. Kinder wollen sich keine Gedanken machen müssen über die Seelenlage ihrer Eltern. Dies ist übrigens für Kinder das Stressigste bei Scheidungen. Eltern rücken in den Mittelpunkt, Eltern weinen, streiten. Eltern werden zu Persönlichkeiten mit schwierigem Innenleben. Kinder müssen sich entscheiden, wen sie lieber haben, zu wem sie ziehen möchten, mit wem sie ihr Wochenende verbringen wollen. Das Ende einer Unschuld: Die Eltern von Scheidungskindern verlieren ihre beruhigende Selbstverständlichkeit.

Irgendwann Mitte der Achtziger muss es losgegangen sein. Die Generation der nach innen gekehrten Egozentriker bekam Kinder. Und natürlich wurde von da an jeder Schritt zelebriert. Die werdenden Väter und Mütter gingen plötzlich gemeinsam in die Schwangerschaftskurse. Und der Mann war von nun an natürlich auch bei der Geburt dabei. Sicher, eine tolle Sache für den Mann, für die Frau. Dem Kind ist es wohl ziemlich egal.

Wenn es nur so weitergegangen wäre, das Feiern des Kinderglücks. Doch irgendwann begannen die Schwierigkeiten der Erziehungsberechtigten. Im Grunde haben dies die Kinderlosen nie so wirklich verstanden. Okay, es ist nicht schön, wenn man dauernd zu wenig Schlaf hat. Aber wird das nicht aufgewogen von der Tatsache, dass ein Wesen plötzlich zu sprechen beginnt? Klar kann es ein Problem sein, wenn man nicht mehr so häufig ins Theater kommt. Aber ist die Wirkung eines Kindes nicht doch eher stabilisierend, weil man sich nicht mehr heftig wie vorher die Frage nach dem tatsächlichen Sinn des Lebens stellen muss?

Das Klagekonzert der Eltern. Mal klingt es einfach: Zu wenig Kindergeld, zu wenige Betreuungsplätze. Mal klingt es sozialkritisch: Die kinderfeindliche Gesellschaft. Interessanter ist es, zu beobachten, was Eltern alles unternehmen, um vor allem über sich selbst reden zu können. Zum Beispiel der Krieg der Mütter: Die frühere Chefredakteurin der Brigitte, Anne Volk, erzählte mal in einem Interview, dass es unter Müttern früher eine Grundsolidarität gegeben habe. Damit sei es vorbei: Mütter stritten sich heftig über die Frage, ob es nun besser sei, ganz zu Hause bei den Kindern zu bleiben oder doch zumindest zeitweise wieder zu arbeiten. Wer ist die bessere Mutter?

Auch wird viel geredet von den neuen Vätern, wie einfühlsam sie seien, wie anders als ihre Väter. Es gibt eine Zahl, mit der sich diese Eigenthese überprüfen lässt, und zwar die Zahl der berufstätigen Männer, die einen Vaterschaftsurlaub antreten. Die Zahl liegt unter drei Prozent und bleibt seit Jahren konstant. (Aber etwa 80 Prozent dieser drei Prozent schreiben ein Buch über diese Zeit.) Oder die Sache mit dem Beziehungskiller. Man hört häufig Geschichten, von Eltern erzählt, dass die Kinder dem Paar kaum noch Eigenleben lassen. Man hört aber auch, dass Kinder das Einzige sind, was manche Beziehungen zusammenhält. So verkündete unlängst ein Vater von zwei Kindern seine Zwei-Kinder-Doktrin: Ein angekriseltes Paar bekommt ein Kind, die Krise wird stärker, die Alternative zur Trennung lautet: noch ein Kind. Dieser Vater schwor, dass aufgrund dieses Prinzips eine satte Zahl Kinder das Licht der Welt erblickten.

Man muss es an dieser Stelle sicher vorsichtig formulieren: Es scheint bei Eltern eine gewisse Tendenz zu geben, ihre Kinder zu funktionalisieren. Sie machen ihre Kinder dafür verantwortlich, dass ihnen im Leben etwas fehlt. Sie hätten zu wenig Geld, zu wenig Erfolg, zu wenig Selbstbestätigung, zu wenig Bildung, zu wenig Sex. Zu dieser Haltung passt auch das Bild, das Eltern gern in der Öffentlichkeit abgeben, etwa wenn sie mit ihren Kleinkindern ein Café betreten: gestresst, genervt, gereizt. Und es ist ja auch durchaus eine Versuchung, die Schuld für eigene Versäumnisse anderen zuzuschieben. Nur, in diesem Fall, ist dies nicht nur moralisch angreifbar. Es ist auch falsch. Denn Kinder lassen ihren Eltern viele Freiheiten (wenn sie nicht gerade mit ihnen spielen möchten oder nicht einschlafen wollen). Kinder verzeihen es ohne weiteres, wenn Vater oder Mutter ein paar Tage auf Geschäftsreise sind. Kinder haben nichts gegen die Karriere ihrer Mütter. Kinder haben nichts gegen die Interessen der Eltern. Kinder lassen so ziemlich alles zu (wenn die Zeit dafür bleibt). Das ist bei französischen Kindern, die von ihren Müttern ganz selbstverständlich oft schon Wochen nach der Geburt in eine Betreuungsstätte gegeben werden, nicht anders als bei deutschen. Vielleicht haben Kinder eine Art eingebautes Toleranzsystem, um unangenehme Spätfolgen zu vermeiden. Sie wollen nämlich, wenn sie irgendwann groß sind, auf gar keinen Fall hören, worauf die armen Eltern damals ihretwegen verzichtet haben.

Kinder haben keine Lobby, heißt es. Eigentlich wären die Eltern die geeigneten Leute dafür. Doch sie versagen völlig. Dabei wäre jeder Lobbyist froh, könnte er, um die Sprache der Wirtschaft zu benutzen, für so ein wunderbares Produkt werben. Was könnten Eltern für lustige, anrührende, begeisternde Geschichten erzählen. Sie müssten dafür aber für einen Moment sich selbst vergessen.

Kollege Bernd Ulrich hat vergangene Woche in der ZEIT geschrieben, die Kinderlosen würden vor allem wegen diffuser Lebensangst keine Kinder bekommen. Da ist sicher was dran. Aber noch größer ist eine andere Furcht: die vor den Eltern. Sie möchten nicht werden wie sie.

 
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