ANTWORT I Nervende ElternSeite 2/2

Auch wird viel geredet von den neuen Vätern, wie einfühlsam sie seien, wie anders als ihre Väter. Es gibt eine Zahl, mit der sich diese Eigenthese überprüfen lässt, und zwar die Zahl der berufstätigen Männer, die einen Vaterschaftsurlaub antreten. Die Zahl liegt unter drei Prozent und bleibt seit Jahren konstant. (Aber etwa 80 Prozent dieser drei Prozent schreiben ein Buch über diese Zeit.) Oder die Sache mit dem Beziehungskiller. Man hört häufig Geschichten, von Eltern erzählt, dass die Kinder dem Paar kaum noch Eigenleben lassen. Man hört aber auch, dass Kinder das Einzige sind, was manche Beziehungen zusammenhält. So verkündete unlängst ein Vater von zwei Kindern seine Zwei-Kinder-Doktrin: Ein angekriseltes Paar bekommt ein Kind, die Krise wird stärker, die Alternative zur Trennung lautet: noch ein Kind. Dieser Vater schwor, dass aufgrund dieses Prinzips eine satte Zahl Kinder das Licht der Welt erblickten.

Man muss es an dieser Stelle sicher vorsichtig formulieren: Es scheint bei Eltern eine gewisse Tendenz zu geben, ihre Kinder zu funktionalisieren. Sie machen ihre Kinder dafür verantwortlich, dass ihnen im Leben etwas fehlt. Sie hätten zu wenig Geld, zu wenig Erfolg, zu wenig Selbstbestätigung, zu wenig Bildung, zu wenig Sex. Zu dieser Haltung passt auch das Bild, das Eltern gern in der Öffentlichkeit abgeben, etwa wenn sie mit ihren Kleinkindern ein Café betreten: gestresst, genervt, gereizt. Und es ist ja auch durchaus eine Versuchung, die Schuld für eigene Versäumnisse anderen zuzuschieben. Nur, in diesem Fall, ist dies nicht nur moralisch angreifbar. Es ist auch falsch. Denn Kinder lassen ihren Eltern viele Freiheiten (wenn sie nicht gerade mit ihnen spielen möchten oder nicht einschlafen wollen). Kinder verzeihen es ohne weiteres, wenn Vater oder Mutter ein paar Tage auf Geschäftsreise sind. Kinder haben nichts gegen die Karriere ihrer Mütter. Kinder haben nichts gegen die Interessen der Eltern. Kinder lassen so ziemlich alles zu (wenn die Zeit dafür bleibt). Das ist bei französischen Kindern, die von ihren Müttern ganz selbstverständlich oft schon Wochen nach der Geburt in eine Betreuungsstätte gegeben werden, nicht anders als bei deutschen. Vielleicht haben Kinder eine Art eingebautes Toleranzsystem, um unangenehme Spätfolgen zu vermeiden. Sie wollen nämlich, wenn sie irgendwann groß sind, auf gar keinen Fall hören, worauf die armen Eltern damals ihretwegen verzichtet haben.

Kinder haben keine Lobby, heißt es. Eigentlich wären die Eltern die geeigneten Leute dafür. Doch sie versagen völlig. Dabei wäre jeder Lobbyist froh, könnte er, um die Sprache der Wirtschaft zu benutzen, für so ein wunderbares Produkt werben. Was könnten Eltern für lustige, anrührende, begeisternde Geschichten erzählen. Sie müssten dafür aber für einen Moment sich selbst vergessen.

Kollege Bernd Ulrich hat vergangene Woche in der ZEIT geschrieben, die Kinderlosen würden vor allem wegen diffuser Lebensangst keine Kinder bekommen. Da ist sicher was dran. Aber noch größer ist eine andere Furcht: die vor den Eltern. Sie möchten nicht werden wie sie.

 
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