Taraira/Kolumbien

Schon morgens um sieben sitzen zwei junge Männer in der Kneipe von Don Julio, jeder die dritte Dose Bier in der Hand. Die Sonne steigt schnell, der Dschungel rund um Taraira dampft, es ist schwül. Wieder gibt es keine Arbeit. Dass die beiden Gäste kein Geld haben, spielt keine Rolle. Don Julio schreibt an. Und wenn sie Glück haben, bezahlt ihnen jener Brasilianer die Rechnung, der seit zwei Wochen überglücklich und sturztrunken durchs Dorf torkelt. Er hat ein Nugget gefunden, riesengroß: 260 Gramm reines Gold. So etwas hat es in Taraira schon seit Jahren nicht mehr gegeben. Jetzt versäuft er seinen Reichtum. Wenn das Goldstück durchgebracht ist, wird er ein neues suchen.

Taraira ist ein Dorf ganz im Süden von Kolumbien, im oberen Amazonasbecken an der Grenze zu Brasilien. 300 Einwohner, drei Straßen. Die wegen der Feuchtigkeit auf Stelzen gebauten Holzhäuschen mit den Wellblechdächern sind bunt gestrichen. Das nächste Städtchen liegt eineinhalb Flugstunden weiter im Norden.

Prostituierte wurden "brüderlich geteilt", lacht der Kneipier

Die Siedlung ist erst vor 20 Jahren entstanden. Ein Goldrausch lockte 12000 Männer in den Urwald. Doch das, was an Reichtum an der Oberfläche lag, war schnell abgelesen. Als die Arbeit mühsamer wurde, als Stollen in den Cerro Rojo, den roten Hügel, gesprengt werden mussten und das Geschäft immer unrentabler wurde, da verließen die meisten den Flecken wieder. Mit ihnen zog der Polizeiposten ab. Dann kam die Guerilla. 1997 besetzte eine Einheit der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (Farc) Taraira und blieb sieben Jahre lang. Die Guerilleros führten eine eigene Verwaltung ein, gaben sogar neue Personalausweise aus.

Erst der seit zwei Jahren regierende Präsident Álvaro Uribe bereitete der Schattenherrschaft ein Ende. Im Rahmen seines "Plan Patriótico" eroberte die Armee ein von den Aufständischen kontrolliertes Dorf nach dem anderen zurück. Taraira galt als extrem gefährlich und war deshalb das letzte, das von der Staatsmacht eingenommen wurde. Doch als sich Soldaten im Morgengrauen des 6. Februar 2004 von Hubschraubern abseilten und das Dorf stürmten, hatten sich die Guerilleros längst in den Dschungel zurückgezogen. Die erwartete Schlacht blieb aus. Seither passen 150 Polizisten darauf auf, dass die Farc nicht aus den Wäldern zurückkommt. 1500 Farc-Kämpfer, schätzen sie, verstecken sich im Dschungel nordwestlich von Taraira. "Wir haben Munition für vier oder fünf Tage Abwehrschlacht", sagt Major Mauricio Peña, der Polizeichef des Dorfes. "Dann ist längst Verstärkung aus der Luft da."

Aber wollen die Dorfbewohner tatsächlich beschützt werden? Julio Quintero, der Kneipier von Taraira, erlebte die Ankunft der Farc-Rebellen wie eine Befreiung. Zwar kam das Geschäft in den Goldstollen vollends zum Erliegen, weil der Staat kein Dynamit in Guerillagebiete lieferte. Aber das Dorf erlebte trotzdem einen rasanten Wirtschaftsaufschwung. "Fast täglich kamen die Drogenflugzeuge aus den Koka-Gebieten", erzählt der Wirt. "Und von Brasilien kamen die Kurierflugzeuge, die die Ware an die Küste brachten." Von Taraira aus schafft eine voll getankte Cessna diese Strecke ohne Zwischenlandung. Das Benzin kam in den Tragflächen von DC-3-Transportern. Die ließen in Taraira so viel Kraftstoff ab, dass sie mit dem Rest gerade noch bis zum nächsten Flughafen kamen. "Als wir das Dorf eingenommen haben, fanden wir 40 volle Fässer mit je 200 Liter Flugzeugbenzin", erinnert sich Polizeichef Peña. Das wurde zum fünffachen Marktpreis an die Drogenkuriere verkauft.

200000 Peso bezahlte die Drogenmafia für nicht einmal zwei Stunden Arbeit, umgerechnet rund 75 Euro. Ein Arbeiter in der Hauptstadt Bogotá muss für dieses Geld zwei Wochen schuften. "Ab und zu zweigte auch einer ein paar Kilo Kokain ab, um es auf eigene Faust in Brasilien zu verkaufen." Die Guerilla im Dorf – nie mehr als 15 Mann stark – verlangte Landegebühren von bis zu 3000 Euro pro Flugzeug. Von der brasilianischen Drogenmafia nahm sie statt Geld auch Waffen.

In den zwölf Monaten vor der Rückeroberung haben Radare in Brasilien und Kolumbien mindestens 200 Flugzeuge registriert, die in Taraira landeten, berichtet Major Peña. Jedes habe eine halbe Tonne Kokain transportiert. Das Dorf schwamm im Geld. So sehr, dass es sich die Männer, die schon immer unter chronischem Frauenmangel gelitten hatten, hin und wieder erlaubten, ein Kleinflugzeug voller Prostituierter aus Brasilien einfliegen zu lassen. "Die haben wir uns dann brüderlich geteilt", lacht Don Julio.