Die Verhunzung der Welt schreitet fort. Und Wilhelm Genazino findet die passenden Sätze dazu. In den letzten Jahren ist der stille Autor, der seine Plaudereien am Rande des Abgrunds immer weiter trieb, insgeheim zum Protokollanten des gesellschaftlichen Bewusstseins geworden. Das ließ ihn bis zum Büchner-Preisträger aufsteigen. Dabei muss er eine merkwürdige Erfahrung gemacht haben. Je dringlicher er die Erkenntnis umkreiste, dass diese Welt nicht auszuhalten ist, desto stärker jubelte ihm das Publikum zu. Je auswegloser er die Peinlichkeit des Daseins, den Aberwitz unserer Zivilisation beschrieb, desto größeren Erfolg hatte er. Seine Beschwörung der Leere in den Fußgängerzonen und Satellitenstädten wurde immer intensiver, und alle Beteiligten wollten sich nach der Lesung seine Bücher signieren lassen. Da trat Wilhelm Genazino die Flucht nach vorne an.

Ein Experte fürs Ausweglose hält Wochenendseminare

Die Hauptfigur seines neuesten Romans ist von Beruf freischaffender Apokalyptiker. Als Experte für das Ausweglose hält er Wochenendseminare, es geht um die Katastrophe, auf die wir alle zusteuern, und das Interesse ist übermächtig. In seinem stilvoll in den Schweizer Alpen ausgesuchten Tagungshotel melden sich sogar noch nachträglich zufällig anwesende Rentnergruppen an, weil die Teilnehmer der Einführungssitzung im Foyer so davon schwärmen.

Schon die Helden der letzten Bücher Genazinos waren allesamt Randfiguren des Kulturmilieus, unbezahlte Privatgelehrte, Außenseiter des Betriebs – mit dem freischaffenden Apokalyptiker hat der Autor jetzt die größtmögliche Nähe zu seiner eigenen Existenz als freier Schriftsteller erreicht. Damit ist die Resonanz auf seine letzten Romane auf den Punkt gebracht. Genazino beschrieb die Haltlosigkeit, und der Halt war plötzlich in Reichweite gerückt. Der Apokalyptiker erklärt seine Beliebtheit so: "Man hört mir gern zu, weil ich die Welt nicht völlig aufgebe."

Das Wunderbare an dem Roman mit dem sofort berauschenden Titel Die Liebesblödigkeit ist, dass Genazino schon wieder eine neue Wendung nimmt. Nach den kleinen, großen Meisterwerken Ein Regenschirm für diesen Tag und Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman war das gar nicht mehr recht vorstellbar. Das Grundproblem des Protagonisten liegt diesmal darin, dass er gleichzeitig mit zwei Frauen liiert ist. Sie wissen davon nichts. Das geht schon seit etlichen Jahren so, und wegen der Selbstständigkeit der Frauen scheint es tatsächlich zu funktionieren. Der Held verbringt, wenn er nicht allein bleibt, die Nacht immer bei einer der beiden. In dem Alter, um das es hier geht, ist man ziemlich pragmatisch geworden und legt Wert auf eine gewisse Unabhängigkeit. Der Mann ist 52, Judith, die verhinderte Konzertpianistin, die sich von Klavierunterricht ernährt, ist 51, und Sandra, die Chefsekretärin, 43.

Diese Konstellation hat überhaupt nichts Frivoles. Sie entspricht nur der allgemeinen Verfassung der Hauptfigur, die sich von den Umständen treiben lässt. Wenn es eine Handlung gibt, dann besteht sie darin, dass der Held glaubt, sich irgendwann für eine der beiden Frauen entscheiden zu müssen. Natürlich ist das schon im Ansatz vergeblich. Die beginnenden Altersgebrechen tragen das ihrige dazu bei. Notwendig wird zum Beispiel der Kauf von Stützstrümpfen, und das gibt Genazino Gelegenheit, sublime Prosastudien über die Atmosphäre in und um Sanitätshäuser und Orthopädie-Fachgeschäfte zu entwickeln.

Die Liebesblödigkeit ist ein Buch über das Altern. Und da ist die Apokalypse nicht weit. Genazinos Held lebt ständig unter einem Damoklesschwert. Er nimmt es achselzuckend hin und widmet sich scheinbar unbekümmert der Alltagsbewältigung, wohl wissend, dass jeden Tag die entscheidende Zäsur drohen kann. Man darf niemandem, der das Buch noch nicht gelesen hat, verraten, wie die Geschichte mit den beiden Frauen ausgeht, fast wie bei einem Psychokrimi. Aber so eine Genrebezeichnung wäre viel zu harmlos für das, was in der Liebesblödigkeit untergründig rumort.

Ein Buch voller Ekelreferenten, Panikberater und Schockforscherinnen