Der Held weiß die Zeichen am Horizont zu deuten. Das beweisen spätestens seine Seminare im Schweizer Hotel Seeblick. Genazino inszeniert dabei eine Persiflage auf die grassierende Sinngebungsindustrie: Im ganzen Buch begegnet man Berufsbildern wie Panikberatern, Ekelreferenten, Schockforscherinnen oder Empörten-Beauftragten. Und es entsteht ein Kaleidoskop des postindustriellen Seelenlebens, wie es in des Autors früher Tätigkeit für das Satiremagazin Pardon vielleicht schon angelegt war, aber so noch nicht ausgeführt werden konnte.

Heute begnügt sich Genazino nicht mehr mit der Rolle des Humoristen. In seiner Büchner-Preis-Rede sagte er: "Vermutlich ist die Angst vor der Stumpfheit der Unbeschäftigten noch erheblich größer als die Angst vor der Arbeitslosigkeit selber." Seine große Kunst liegt darin, derlei soziologische Analysen unmerklich in Literatur zu verwandeln. Danach sieht man die Welt anders.

Die vollautomatischen Kaffeekannen, die das Hotel für die Seminarpausen bereithält und die sich nicht öffnen lassen, sind Anlass für fulminante Beschwörungen dessen, was man früher "Entfremdung" genannt hätte und wofür es heute keine Wörter mehr gibt. "Automatic", so improvisiert der freischaffende Apokalyptiker und Sinnstifter, das sei ein "Müllankündigungswort". Das Signum der Zeit sei der "Technikmüll", ja, tatsächlich: "Die Verhunzung der Welt schreitet fort." Man jubelt ihm zu. Alle, die wir Seminarteilnehmer sind und Teil des Problems, seien wir nun pensionierte Chemiker wie Dr. Gerberich oder Studienleiterinnen aus Bad Segeberg wie Frau Dr. Kuch, Wirtschaftsanwältinnen aus Düsseldorf wie Frau Dr. Krüger oder namenlose Investmentexpertinnen aus Stuttgart – wir alle haben in Wilhelm Genazino den Seismografen unserer Zeit erkannt. Damit muss er nun leben.