Nationalsozialismus Phrasen, die keiner mehr kennt
Walter Kempowski vollendet sein »Echolot« – Die kollektiven Tagebücher aus den letzten Tagen des »Dritten Reiches« sind eine erschütternde Innenschau der deutschen Seele
Es schwirrt der Kopf. Erschöpft, erschlagen legt man den letzten Band dieser von Walter Kempowski geschnitzten Zitatenschatztruhe nach langen Lesetagen aus der Hand. Das war’s. Das ist vollendet, zehn Bände sind seit 1993 erschienen. Tausende von Seiten, zusammengeschnitten aus privaten und veröffentlichten Tagebüchern, Zeitungsberichten und Briefen der Jahre 1943 und 1945, geordnet nach keinem als dem chronologischen Prinzip. Ein endloses Stimmengesumm, kein Chor, mit diesem schmucken Wort haben die Interpreten es sich immer ein bisschen zu leicht gemacht, nein, ein Durcheinandergerede, Gewürge und Gebrülle, ein Gewirr von Meinungen, Verlautbarungen und Kommentaren, in dem oben und unten, rechts und links, Haupt- und Nebenstimmen nicht zu unterscheiden sind.
Was hat man da erfahren? Was ist das überhaupt für ein Buch? Ist das Literatur? Viele haben das in der Vergangenheit von Kempowskis Echolot- Projekt behauptet. Ist es Geschichtsschreibung? Geschichtsdokumentation? Streng genommen, nichts davon. Aber was kümmert es einen, was es ist, wenn es nur gut ist. Wenn das Echolot funktioniert, wenn es informiert, erschüttert, erhellt, aufrüttelt und der Wahrheitsfindung dienlich ist, mag sich sein oberster Schnittmeister gesagt haben, dann bedient es kein Genre, sondern begründet eines. Deswegen nur die Frage: Funktioniert es?
Meine Antwort ist: Nein, es funktioniert nicht. Aber das macht nichts. Denn man liest es trotzdem mit angehaltenem Atem. Und das ist kein Widerspruch, sondern die Existenzgrundlage dieses alle Maße und Maßstäbe sprengenden Projektes des 75-jährigen ehemaligen Dorfschullehrers Walter Kempowski aus Nartum bei Bremen. Aber fangen wir noch mal von vorne an.
Am Anfang stand, wie es mit großen Ideen so geht, eine einfache Beobachtung. Walter Kempowski saß 1948 hungrig und beschmutzt in einem Güterwaggon, der ihn, von einem sowjetischen Militärgericht zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt, nach Bautzen bringen sollte. Bei einem Halt beobachtet er durch eine Ritze im Bretterverschlag ein spazierendes Ehepaar, sie im Blümchenkleid, er in Knickerbockern, sorglos im Sonnenschein. Das hat ihm den Schock von der Gleichzeitigkeit des Unvereinbaren versetzt. Wie viel Glück und Unglück, Harmloses und Tragisches, Lebensbedrohendes und Idyllisches stapeln sich in jeder Weltsekunde aufeinander! Das ist so unendlich, so unfassbar wie die Zahlen, die zwischen eins und zwei liegen.
Doch während kein Normalsterblicher je den Versuch unternehmen würde, die Zahlen zwischen eins und zwei nachzuzählen, hat Walter Kempowski sich in den Kopf gesetzt, das Unmögliche zu versuchen: Er wollte, zunächst alle, später zumindest einige, entscheidende Tage des Zweiten Weltkrieges aus einer möglichst totalen, das heißt tendenziell unendlichen Perspektive abbilden. Wenn es das wichtigste Merkmal der Literatur ist, Wirklichkeit zu verdichten, perspektivisch zuzuspitzen und zu verwandeln, ergo zu bearbeiten, wollte Kempowski die Wirklichkeit in ihrer ganzen Breite und Vielstimmigkeit möglichst maßstabsgetreu und im Rohzustand wiedergeben.
»Die Wirkung des Echolots«, schreibt Kempowski in seinem Arbeitsjournal , das gleichfalls dieser Tage erscheint, »wird in seiner Ausführlichkeit liegen.« Man könnte auch sagen: in seiner Unabschließbarkeit. Denn genauso wie die genaueste Landkarte von Deutschland noch immer so groß wie Deutschland selbst sein müsste, wäre das absolute kollektive Tagebuch eines jeden Kriegstages die Summe aller überlieferten Zeugnisse. Mit anderen Worten: Kempowski hat da eine wunderbar radikale und wunderbar größenwahnsinnige Idee, die, wie das bei größenwahnsinnigen Ideen schon öfter vorgekommen ist, ein kleines Praxisproblem aufwirft.
Walter Kempowski hat für dieses Problem in den annähernd 25 Jahren, in denen er an dem Echolot- Projekt gearbeitet hat, keine überzeugende und vor allem keine nachvollziehbare Lösung gefunden. Sein Ausweg aus dem Paradox, einerseits eine unzensierte und enthierarchisierte Darstellung des Gleichzeitigen und andererseits eine konzentrierte und ergreifende zeitdokumentarische Collage vorlegen zu wollen, besteht in einem undurchsichtigen Auswahlverfahren, das er der Einfachheit halber »kempowskiesk« oder »Echolot-Methode« getauft hat.
Das oberste Gebot ist die Verletzung jeder historiografischen Fürsorge
Was die Echolot-Methode ausmacht, weiß allerdings niemand. Dem Augenschein nach zu urteilen, besteht ihr oberstes Gebot in der unerschrockenen Verletzung jeder historiografischen Fürsorgepflicht. So stehen unmittelbare, von der nackten Sprachlosigkeit des frisch Erlebten geprägte Zeugnisse direkt neben sehr viel später redigierten und retouchierten Dokumenten, ohne dass diese Differenz je deutlich würde. Es stehen innerfamiliäre Mitteilungen, deren Hintergrund im Verborgenen bleibt, neben welthistorischen Zeugnissen, deren Kontexte andernorts umfänglich erschlossen sind. Es stehen Berichte professioneller Kriegsberichterstatter, deren internationale Auftraggeber man nicht kennt, neben den naiven, hausväterlichen Frontberichten für Mutti und die Kinder. Es steht übelste Nazipropaganda in stiller Eintracht neben ergreifenden KZ-Berichten. »Kempowskiesk«, das soll offenbar heißen: Alles darf mit allem in Beziehung treten, alles hat das gleiche Recht auf Überlieferung. Kempowski will, ähnlich wie Alexander Kluge in seinen Materialschlachten, alles retten, was schon verloren ist. Die große und die kleine, die Schurken- und die Opfergeschichte. Kommentar übernimmt der Leser.
Der Autor pfeift auf das Einmaleins der Einfühlung
Schöne Idee. Klappt allerdings nur, wenn der Leser sich durch diese Appetithäppchen aus Banalität, blindwütiger Gemütlichkeit, pseudointellektuellem Schwulst, hilflosem Gehorsam, braunem Kitsch und menschlicher Tragödie geduldig hindurchgefressen hat. Das kann gelingen. Das kann einen passagenweise den Tränen nahe bringen. Das kann sich aber auch wie die drei Dutzend Fernsehkanäle, die niemand mehr voneinander unterscheiden kann, bis zum Überdruss selbst neutralisieren.
Zur Ökonomie des Mitleids gehört, dass Leid tiefer berührt, wenn uns der leidende Mensch bekannt ist. Schicksale gewinnen an Bedeutung, wenn uns ihre Zusammenhänge vertraut sind. Kempowski pfeift auf dieses Einmaleins der Einfühlung. Die Leichenberge, von denen sein Tagebuch-Archiv erzählt (das sich, nebenbei bemerkt, etlichen kleinen Suchanzeigen in der ZEIT verdankt), lassen derlei dramaturgische Gemächlichkeiten vermutlich nicht zu. So werden wir wie in den vorangegangenen Echolot- Bänden auch im letzten Band, diesmal am 20. und 30. April und am 8. und 9. Mai, in einer temporeichen Schnitzeljagd durch das Inferno des deutschen Untergangs gehetzt. Überall dürfen wir kurz hineinschnuppern, am Entsetzlichen nippen. Da liegt ein Arm herrenlos im Wald, hier kracht gerade ein Haus zusammen, dort wird eine Achtjährige von den Russen vergewaltigt. Dann heißt es auch schon wieder Kopf einziehen und weiter, zum nächsten Unglücksschauplatz, und schnell noch mal ein Blick in den Führerbunker, aber nein, der Führer brennt noch nicht, sitzt noch immer in seinen Lackpantöffelchen rum und gibt Kammerdiener Linge letzte Anweisungen zur weiteren Vernichtung des Weltjudentums, zappen wir also schnell noch mal an die Ostfront, wo es auch »recht tüchtig ballert«.
Für Verständnis, Mitgefühl, Diagnose bleibt wie im echten Leben keine Zeit. Selten erfährt man, wie sich eine Situation fortentwickelt, was aus den Tagebuchschreibern geworden ist, wie und wo sie gestorben sind. Figuren ohne Schicksal, ohne Gesicht, denen ein Minutenauftritt in der kollektiven Katastrophengeschichte eingeräumt wird. Kaum eine Stimme meldet sich ein zweites Mal zu Wort. Der einzige düstere Refrain dieses Totengeflüsters ist das so genannte private Testament Adolf Hitlers, sind die Zeugen der letzten Tage, Stunden und Minuten im Bunker, die im auffallenden Unterschied zu den Opfergeschichten in aller Ausführlichkeit – »Sein Oberkörper war nach rechts geneigt und sein Kopf etwas nach hinten gesunken. Gesicht und Stirn waren auffallend weiß. Von beiden Schläfen führte eine schmale Blutspur nach unten« – und aus jeder verfügbaren Perspektive dokumentiert werden. Was Kempowski darüber hinaus dazu bewogen hat, das Werk mit den Fotos hingerichteter und inhaftierter NS-Größen anzureichern, möchte man danach schon nicht mehr in Erfahrung bringen.
Die Mehrzahl der Schreibenden hat, was sie erlebt hat, nicht erlebt
Kempowski kennt den Kitzel des Voyeurismus und den Appetit des Publikums aufs grausame Detail. In seinen Tagebüchern spricht er einmal vom »denunziatorischen Interesse der Leser«. Und am 12. März 1992 vertraut er seinem Arbeitsjournal an: »Ab und zu fällt mich das Gefühl an, das Echolot sei absolut überflüssig. Es hat nur seine Berechtigung, wenn es verstanden wird als exemplarische Darstellung menschlicher Grausamkeit und Gedankenlosigkeit.«
In diesem Punkt kann man Walter Kempowski beruhigen. Die Lektüre des Echolots mag nervenaufreibend, die schier uferlosen, unzusammenhängenden Zettelberge mögen ermüdend sein, das Ergebnis ist jedoch zuverlässig: große Verzweiflung angesichts der Herzenskälte und Verblendung der überwältigenden Mehrheit der Zeugen. Es ist ja falsch, wenn immer wieder behauptet wurde, das Echolot ermögliche eine Annäherung an die geschichtliche Wirklichkeit. Denn gerade sie, die grausame Wirklichkeit des Zweiten Weltkrieges, kommt in diesen vom Augenblick des Erlebens überwältigten, in diesen stammelnden oder überlebenstechnisch trockenen, diesen stur in angelernten Floskeln und Beschwichtigungen Trost suchenden Notaten am wenigsten zur Sprache.
Erschüttert liest man, wie die Mehrzahl der Schreibenden das, was sie erlebt hat, offenbar nicht erlebt hat. Wie sich ein daueraufgekratzter, kleinbürgerlicher Munterkeitston über die Berichte der größten Schrecknisse legt. Wie jedes Gefühl an der noch in den letzten Kriegstagen stur durchgehaltenen Tonlage des witzelnden Amtsstubenhengstes abprallt. Da müssen die Frauen zur Vergewaltigung »alle ran«, als handele es sich ums fröhliche Suppenfassen, da haben 6000 Menschen im tröstlichen Hausvaterdeutsch auf dem Grund des Meeres »ihr Seemannsgrab gefunden«. Da erhält das bombardierte Berlin seinen »Segen von oben« wie die Tippse vom übellaunigen Bürovorsteher. Da schwärmt ein Offizier der Waffen-SS davon, dass die Haltung der Deutschen »für alle, die das Ende des Dritten Reiches erlebt haben, eine großartige menschliche Erinnerung bleiben« werde.
Und das ist noch harmlos, verglichen mit den anspruchsvolleren Ausarbeitungen der deutschen Intelligenz, die Kempowski, offenbar besonders hellhörig für derlei gehobenen Sprach- und Gedankenmüll, gesammelt hat. Die »schönen Stunden des Trostes und der Ablenkung«, die ein über die »Schändung des Namens unseres Volkes« zutiefst gekränkter Geistesarbeiter am 8. Mai 1945 »in der Philosophie verbracht« hat, gehören genauso dazu wie die »Sonne der Gnade Gottes«, die ein Pfarrer schon am Tag der Kapitulation wieder bis in den »Grund« der deutschen Seele hinein scheinen sieht. Oder die stolzgeblähten Sprechblasen eines gelehrten Gutsherrn und Wehrmachtoffiziers des geheimen Deutschland, der sich am selben Tag fragt, ob »in all dem Heillosen das Heil nicht im Verborgenen unter den wenigen erwachsen mag, auf die es in allen Zeitaltern angekommen ist«.
Das Entsetzen angesichts der durch die Lande wankenden, dem KZ entronnenen Gerippe, die Verzweiflung über die restlose Sinnlosigkeit des Krieges bleiben allgemein aus. Thomas Mann mahnt aus Kalifornien, dass es nun einer deutlichen »Verleugnung des Nazitums« bedürfe. Alfred Döblin erhofft sich in Hollywood einen »Sturm von Freiheit und menschlichem Gefühl«. Zu Hause sorgt man sich um die »geheiligten Namen unserer Toten«, um den »Stolz der deutschen Wehrmacht«, bittet man Gott, »unserem Volk nicht zu schwere Last aufzuerlegen«, und fragt sich, wie es denn »einen blühenden Baum, einen lustigen Sommervogel, Blauhimmel und Sonnenschein« gebe könne, wenn »alles Gute und Herrliche, wenn unser Deutschland zum Untergang bestimmt wäre«.
So ist es weniger das Geschehen selbst, das den Leser erschüttert. Ergriffen ist man von dem ungeschönten und ungestörten Einblick in die Dummheit und Herzlosigkeit. Darin liegt die große und unerreichte Qualität dieser Sammlung: in der beklemmenden Nähe zum alltäglichen Wahnsinn, den dressierten Gefühlen und Gedanken, der fidelen Überheblichkeit des Spießers noch in den Tagen des Untergangs. Auf die bis heute unbeantwortete Frage, wie das alles möglich war, findet man hier schmerzhafte Antworten. Mit der vielleicht noch bedrückenderen Frage, ob die Toten ihre Dummheit wirklich mit ins Grab genommen haben, lässt uns das Echolot am Ende allein.
Alisah Shek aus Prag schreibt am 8. Mai 1945 im befreiten KZ Theresienstadt, was als Fazit zu dieser tief bewegenden Innenschau der deutschen Seele gelten mag: »Ich habe nur einen Weg, und mich ekelt dies alles an. Menschen ekeln mich an. Indem ich an sie denken muß, kommt über mich eine Hoffnungslosigkeit.«
Das EcholotBelletristikAbgesang ’45 – Ein kollektives TagebuchWalter KempowskiBuch200200549,90492CulpaNotizen zum »Echolot«;Beide Albrecht Knaus Verlag, MünchenWalter KempowskiBelletristikBuch200200519,90280- Datum 24.02.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 24.02.2005 Nr.9
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