Nationalsozialismus Phrasen, die keiner mehr kenntSeite 3/3

In diesem Punkt kann man Walter Kempowski beruhigen. Die Lektüre des Echolots mag nervenaufreibend, die schier uferlosen, unzusammenhängenden Zettelberge mögen ermüdend sein, das Ergebnis ist jedoch zuverlässig: große Verzweiflung angesichts der Herzenskälte und Verblendung der überwältigenden Mehrheit der Zeugen. Es ist ja falsch, wenn immer wieder behauptet wurde, das Echolot ermögliche eine Annäherung an die geschichtliche Wirklichkeit. Denn gerade sie, die grausame Wirklichkeit des Zweiten Weltkrieges, kommt in diesen vom Augenblick des Erlebens überwältigten, in diesen stammelnden oder überlebenstechnisch trockenen, diesen stur in angelernten Floskeln und Beschwichtigungen Trost suchenden Notaten am wenigsten zur Sprache.

Erschüttert liest man, wie die Mehrzahl der Schreibenden das, was sie erlebt hat, offenbar nicht erlebt hat. Wie sich ein daueraufgekratzter, kleinbürgerlicher Munterkeitston über die Berichte der größten Schrecknisse legt. Wie jedes Gefühl an der noch in den letzten Kriegstagen stur durchgehaltenen Tonlage des witzelnden Amtsstubenhengstes abprallt. Da müssen die Frauen zur Vergewaltigung »alle ran«, als handele es sich ums fröhliche Suppenfassen, da haben 6000 Menschen im tröstlichen Hausvaterdeutsch auf dem Grund des Meeres »ihr Seemannsgrab gefunden«. Da erhält das bombardierte Berlin seinen »Segen von oben« wie die Tippse vom übellaunigen Bürovorsteher. Da schwärmt ein Offizier der Waffen-SS davon, dass die Haltung der Deutschen »für alle, die das Ende des Dritten Reiches erlebt haben, eine großartige menschliche Erinnerung bleiben« werde.

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Und das ist noch harmlos, verglichen mit den anspruchsvolleren Ausarbeitungen der deutschen Intelligenz, die Kempowski, offenbar besonders hellhörig für derlei gehobenen Sprach- und Gedankenmüll, gesammelt hat. Die »schönen Stunden des Trostes und der Ablenkung«, die ein über die »Schändung des Namens unseres Volkes« zutiefst gekränkter Geistesarbeiter am 8. Mai 1945 »in der Philosophie verbracht« hat, gehören genauso dazu wie die »Sonne der Gnade Gottes«, die ein Pfarrer schon am Tag der Kapitulation wieder bis in den »Grund« der deutschen Seele hinein scheinen sieht. Oder die stolzgeblähten Sprechblasen eines gelehrten Gutsherrn und Wehrmachtoffiziers des geheimen Deutschland, der sich am selben Tag fragt, ob »in all dem Heillosen das Heil nicht im Verborgenen unter den wenigen erwachsen mag, auf die es in allen Zeitaltern angekommen ist«.

Das Entsetzen angesichts der durch die Lande wankenden, dem KZ entronnenen Gerippe, die Verzweiflung über die restlose Sinnlosigkeit des Krieges bleiben allgemein aus. Thomas Mann mahnt aus Kalifornien, dass es nun einer deutlichen »Verleugnung des Nazitums« bedürfe. Alfred Döblin erhofft sich in Hollywood einen »Sturm von Freiheit und menschlichem Gefühl«. Zu Hause sorgt man sich um die »geheiligten Namen unserer Toten«, um den »Stolz der deutschen Wehrmacht«, bittet man Gott, »unserem Volk nicht zu schwere Last aufzuerlegen«, und fragt sich, wie es denn »einen blühenden Baum, einen lustigen Sommervogel, Blauhimmel und Sonnenschein« gebe könne, wenn »alles Gute und Herrliche, wenn unser Deutschland zum Untergang bestimmt wäre«.

So ist es weniger das Geschehen selbst, das den Leser erschüttert. Ergriffen ist man von dem ungeschönten und ungestörten Einblick in die Dummheit und Herzlosigkeit. Darin liegt die große und unerreichte Qualität dieser Sammlung: in der beklemmenden Nähe zum alltäglichen Wahnsinn, den dressierten Gefühlen und Gedanken, der fidelen Überheblichkeit des Spießers noch in den Tagen des Untergangs. Auf die bis heute unbeantwortete Frage, wie das alles möglich war, findet man hier schmerzhafte Antworten. Mit der vielleicht noch bedrückenderen Frage, ob die Toten ihre Dummheit wirklich mit ins Grab genommen haben, lässt uns das Echolot am Ende allein.

Alisah Shek aus Prag schreibt am 8. Mai 1945 im befreiten KZ Theresienstadt, was als Fazit zu dieser tief bewegenden Innenschau der deutschen Seele gelten mag: »Ich habe nur einen Weg, und mich ekelt dies alles an. Menschen ekeln mich an. Indem ich an sie denken muß, kommt über mich eine Hoffnungslosigkeit.«

Das EcholotBelletristikAbgesang ’45 – Ein kollektives TagebuchWalter KempowskiBuch200200549,90492CulpaNotizen zum »Echolot«;Beide Albrecht Knaus Verlag, MünchenWalter KempowskiBelletristikBuch200200519,90280
 
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