Eine lange, poetische Spur in der Ausstellungslandschaft. Wer ihr gefolgt ist, hat die Kunst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gewiss nicht enzyklopädisch, aber als ganz und gar erstaunliche Gattung erlebt.

Junggesellenmaschinen, Gesamtkunstwerk, Einleuchten, Austria im Rosennetz, Weltuntergang und Prinzip Hoffnung, Blut & Honig, Schönheit des Scheiterns.

Lauter Relaisstationen, an denen Harald Szeemann die Kabel neu polte und die Leitungen ein Stück weiter legte. Vielleicht kann man den Ausstellungsmacher und sein Einmann-Ausstellungsmacher-System tatsächlich nicht anders beschreiben denn als Energieunternehmen. Im Grunde hat er die Kunst nur als Kraft gekannt, sie nur als Kraft anerkannt. Wenn schon das Zeitalter der Avantgarden und ihrer nachmarschierenden Truppen alles in Setzung und Behauptung aufgelöst hat, dann bliebe an Setzung und Behauptung doch noch die alte Verführung zu beweisen. Obsessionen, Szeemanns Kennwort, fasste alle zusammen: den Artbrut-Künstler und den Meistermaler, den Weltrandbewohner und den Westkunst-Helden. Was zählte, war allein der Staunfaktor, der Mehrwert an Überwältigung, die obsessive Struktur des Werks.

Nie sind Szeemanns Ausstellungen etwas anderes gewesen als Zurüstungen für ein Museum der Obsessionen - das nach Lage der obsessiven Dinge eben unvollendbar sein müsste, das zur traurigsten, zutiefst melancholischen Institution würde, wenn es in Wahrheit einmal eingerichtet wäre.

Ausstellungsmacher. Den Beruf gab es gar nicht, den hat Harald Szeemann, 1933 geboren, erst erfunden. Lange bevor das Nomadenvolk der Kuratoren von einem Projekt zum anderen zog. Nie war er wirklich verführbar für Amt und Stellung.

Und wenn es modisch geworden ist, Bühne, Budget und Beifall ohne Daueranbindung an Museen und Kunsthallen zu suchen, dann war es Szeemanns Pionierleistung, die dazu Mut gemacht hat. Der eigentliche Gründungsakt dieser einzigartigen Ausstellerkarriere geschah im Jahre 1969 und hatte einen legendären Namen: When attitudes become form. Man hat die Künstler-Versammlung von Carl Andre über Joseph Beuys, Joseph Kosuth, Mario Merz, Bruce Nauman bis zu Lawrence Weiner, die eine ganze Generation von Sammlern, Kritikern und Museumsleuten mobilisieren sollte, meist als Hommage auf die zeitgenössische Minimal- und Konzeptkunst beschrieben. Aber der Blick heute in den vergilbten Schnellhefter-Katalog zeigt heftig, wie viel mehr doch das Attitüden-Panorama gewesen ist: ein Clan-Treffen der berufsmäßigen Abständler, ein Leistungsschau-untaugliches Zusammenspiel jener Fantasten, für die - dickschädelig und grobbärtig wie Szeemann selbst - die Formen immer Handlungsanleitungen sind, über die erstarrten Dinge hinauszuträumen.

Man hätte nicht voraussagen können, wofür sich Szeemann interessieren wird und wofür ganz bestimmt nicht. Es gibt in seiner fülligen Werkliste die ordentliche Klassiker-Retrospektive und das programmatisch unordentliche Happening-Theater. 1972, zur Documenta 5, hat er die europäische Arte povera und die amerikanischen Hyperrealisten zusammengebracht, zur venezianischen Biennale 1999 dem Publikum aus der globalisierten Welt die Widersprüche und Versöhnungsutopien einer Weltkunst zugemutet. Statements waren das schon.