Venezuela Zum Traum verdammt

Die Isla Margarita vor der Küste Venezuelas wird seit Jahren als Perle der Karibik verkauft. Dem Image entspricht die Insel nur noch an wenigen Stellen

Stopp, einen Moment noch, Audelis. Wahrscheinlich werden später ein paar Leute einwenden, es sei nicht okay, sich darüber zu beschweren, dass der Strand hier nicht leer, der Sand nicht weiß und das Wasser nicht blau genug sei. Und verdammt: Irgendwie haben sie Recht. Aber man muss auch mal sagen können: Ich habe Languste bestellt, und das hier schmeckt nach Leberwurst. Trotz Hunger auf der Welt.

Leg los, mi niña. Was war mit der Festung? Eines Tages, im August, sprengte ein Spanier das Fortín La Galera in die Luft. Die Überlebenden flohen in die Lagune und färbten das Wasser rot mit ihrem Blute. Mehr als 20 Margariteños starben, sie gaben ihr Leben, am 8. August 1817, in Juangriego.

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Audelis sieht aus wie acht, obwohl sie behauptet, 13 Jahre alt zu sein. Getrocknetes Salzwasser glänzt in ihren geflochtenen Zöpfen unter der Nachmittagssonne, während sie an den Tischen der Restaurants am Strand von Juangriego ihren großen Zeh in den Sand bohrt und dabei »Eine Geschichte, hör dir eine Geschichte an« quengelt. Die älteren Kinder von Juangriego geben den patriotischen Reim leidenschaftslos an die jüngeren weiter, seit Jahren schon, weil solche Dinge sowieso nur Geld bringen, wenn man klein ist und niedlich.

Die Isla Margarita, 40 Kilometer von der Küste des venezolanischen Festlands entfernt, muss ein Paradies gewesen sein, als ein schmutziger Seefahrer in spanischen Diensten sie am 15. August 1498 entdeckte, wie man so sagt: 167 Kilometer Küstenlinie, dahinter wilde grüne Hügel, vor allem zwei, aber dazu später.

Wann Juangriego, die kleine Fischerstadt im Norden der Insel, erstmals offiziell erwähnt wurde, ist unbekannt. Im »Margaritanischen Inselwörterbuch« passen die Ortsdaten in zwei Spalten. Lange Zeit war die Stadt ziemlich unwichtig, wurde dann Anfang des 19. Jahrhunderts während des Unabhängigkeitskriegs gegen die Spanier ein bisschen wichtig, und man darf als historische Schlappe bezeichnen, dass Simón Bolívar, Held, Befreier, Libertador, am Ufer von Juangriego 1816 zwar zweimal aus dem Boot gestiegen ist, die Dritte Republik aber im südöstlich gelegenen Santa Ana ausrief, wo er von der Asamblea de Notables als Oberbefehlshaber des Heers und Staatschef von Venezuela bestätigt wurde. Vielleicht ist es Zufall, dass keine Bolívar-Büste am Strand von Juangriego steht. 1.873 zählte der Ort 809 Einwohner. Heute sind es knapp 10.000. Durchschnittstemperatur: 27 Grad.

Auf den ersten Blick gibt es wenig Schmeichelhaftes, das sich über diese Stadt sagen lässt. Die Uferpromenade La Marina ist mit Geschäften gepflastert, die mäßig attraktiv dekorierte Turnschuhe, Alkohol und Elektroartikel anbieten wie überall auf der Isla Margarita, eine Marken-Halde, die mit dem zollfreien Status der Insel zu tun hat. In den Seitenstraßen stehen Ladenräume leer, »Kauf mich« könnte man in den Staub auf den Regalbrettern schreiben. In der Bucht verfällt ein Hotel, dessen fünf Zimmer früher den spektakulärsten Blick der Insel eröffnet haben müssen. Die Besitzer haben aufgegeben. Juangriego lebt vom Fischfang, vom Handel und von dem, was an Individualtourismus übrig geblieben ist. Viel ist das nicht. Wenn die Sonne gelborangesehrrotpinkviolett hinter den Bergen der Halbinsel Macanao am Horizont versunken ist, kommen die Jeeps von der Anhöhe der Festung ins Tal, fahren haltlos vorbei an den Restaurants in der Bucht, zurück ins Hotel. Tourveranstalter versorgen ihre Besatzung mit Sixpacks und einer Flasche Rum. Einmal Sonnenuntergang hin und zurück.

Dabei schicken die Reiseveranstalter Gäste in Massen in die Karibik, seit der Tsunami die Küsten Asiens verwüstet hat. Allein aus Europa landen täglich mehrere Maschinen auf dem kleinen, aber internationalen Flughafen bei Porlamar, der größten Stadt der Insel. Busse verteilen ihre Fracht auf die Ferienanlagen und sammeln sie wieder ein, sieben, vierzehn Tage später. Viele werden bis dahin kaum mehr als Pool, Bar und den Strand gesehen haben, weiße Streifen am Handgelenk tragen, vom Plastikbändchen ihres Resorts. Ausnahmen gibt es, klar. In Porlamar erzählt der Angestellte einer Autovermietung, das Geschäft müsse an einem Tag wie diesem eigentlich tot sein, kurz nach Karneval. Stattdessen hat er bis zum Mittag sieben Autos vermietet. »Es gibt immer ein paar, denen die Flucht gelingt.«

Ob sich der Umweg an die Ostküste lohnt, an die Playas El Tirano, Parguito und El Agua, hängt ein bisschen von der Anzahl palmiger Strände ab, die man gesehen hat und überhaupt sehen möchte. Die Traumstrände, mit denen die Veranstalter werben, sind nett, voll, austauschbar, von einer Entspanntheit, die treffender als Langeweile bezeichnet wäre. Sie genügen sich selbst, kommen meistens ohne Siedlungen aus, zumindest tun sie so. Es gibt Tauchkurse, Eisverkäufer und Sonnenbrillendealer wie in Mexiko, Brasilien und der Kitkat-Werbung. Kein Mensch hat so viele Haare, wie er Zöpfchen flechten lassen könnte. An der Playa Guacuco kassiert ein alter Mann nach einer Stunde am Strand etwa zwei Euro für einen rostigen Liegestuhl. Die Isla Margarita ist eine Insel, die seit 20 Jahren dazu verdammt zu sein scheint, möglichst wenig Isla Margarita zu sein und Platz zu schaffen für vage rothäutige Projektionen von Playa Irgendwas. Am Windsurferstrand El Yaque heißen die Hotels Ipanema, California und Jump ’n Jive.

Wo die touristische Zivilisation ausdünnt, keine Sonnenschirme zwischen Palmen aufblitzen und zweifelhaftes Kunsthandwerk nach Käufern plärrt, springt im Kopf eine Klappe auf und lässt Luft an die Seele. Hinter Porlamar, auf dem Weg nach Juangriego, dringt die Straße ein in grüne Berge, deren Gipfel in Wolken stecken, eine hügelige, warme, weiche Landschaft wie aus Modelliermoos. Die Straße führt vorbei an Dörfern mit Häusern in Türkisblau, Grasgrün, Erdbeerrot. Man möchte aussteigen und ihre Bewohner umarmen.

Vielleicht sind es nur Nadelspitzen, die in Juangriego das Reiseprospektambiente der Isla Margarita perforieren. Die weißen Türme der Zuckerbäckerkirche, die sich von den dunklen Bergen abheben. Die unkommerzielle Seite der Uferpromenade, die direkt in Sand übergeht. Die Lokale am Strand, in denen es Kellner gibt, die kein Englisch sprechen. Fischer, die nach dem dritten Tag grüßen. Die Kinder mit ihren nervigen Geschichten vom Fortín, die sich später an den Tisch setzen und um eine Cola bitten, in karibischer Geschwindigkeit von ihrer Großmutter erzählen und mit den Gästen Fußball spielen. Es macht nichts, dass am Strand ein toter Fisch verwest.

An den Fassaden entlang der Landstraßen verblassen die Parolen vom letzten Plebiszit: »Chávez NO se va«, Chávez bleibt. Die Mauer neben den Wellblechhütten, in denen die Fischer von Juangriego am Morgen ihren Fang verkaufen, ziert eine Durchhalteparole: »Der Ruhm besteht nicht darin, groß, sondern nützlich zu sein.« Sei klein, sei nichts, und halt den Mund. Man würde sich dieses Motto für manches Bankenviertel wünschen, aber Politik, sagen die Margariteños, spielt auf der Insel keine Rolle. Aktivisten schwitzen einsam in ihren Parteizentralen. Wenn auf dem Festland gestreikt wird, geht in Nueva Esparta, dem Inselbundesstaat, das Leben weiter, vielleicht weil niemand einheimischen Unmut gebucht hat. Die Lokalzeitung berichtet über Schlaglöcher auf der wüstenhaften Halbinsel Macanao und einen jugendlichen Delinquenten, der auf dem Foto ein T-Shirt über dem Kopf trägt, was übler aussieht als die Straftat, die ihm zur Last gelegt wird. Die Kriminalitätsrate hält sich in den Grenzen der Fluchtwege auf einer Insel, die nur 67 Kilometer lang und bis maximal 35 Kilometer breit ist.

Hinter dem Fortín, hinter Juangriegos Nachbarstrand La Galera, versteckt sich die Playa Caribe. Ein paar Bodysurfer treiben auf den Wellen. Im Westen gibt es Palmenstrohkneipen, Fischer verkaufen drei Austern für umgerechnet 40 Cent. Felsen markieren eine natürliche Grenze zu den nahe gelegenen Ferienanlagen, die, so gesehen, auch ihr Gutes haben. Im Osten, wo die Schatten ausfransen, gibt der Blick ins Leere der Fantasie Raum, man sei ganz allein auf dieser Insel. Und für einen langen Moment, während die Hitze den Rücken wärmt, die Brandung an den ziemlich weißen Sandstrand schlägt und eine Wolke Schatten auf die grünen Berge malt, steigen diese Worte im Innern auf wie Kohlensäure – Paradies, Perle der Karibik. Natürlich ist das Quatsch. Obwohl es auch stimmt, ein bisschen.

An dieser Stelle könnte die Geschichte ein versöhnliches Ende nehmen. Aber die Sache mit den Hügeln ist noch offen, die beiden Berge im Süden, die Einheimische Las Tetas de María Guevara nennen – eine Derbheit, die in der Übersetzung leider meistens verliert. Sie gelten als eine Art Wahrzeichen der Insel. Angeblich hat eine Frau dieses Namens tatsächlich auf der Isla Margarita gelebt, im 19. Jahrhundert, ob als Freiheitskämpferin oder Puffmutter, ist unklar, jedenfalls soll sie eher kleine Brüste gehabt haben. Rosauro Rosa Acosta, ein Historiker der Insel, hat ihnen trotzdem ein Gedicht gewidmet, und im Grunde ist das noch viel versöhnlicher: »María Guevaras Titten, Eure Milch war Rebellion, Eure Milch war Freiheit«, nachzulesen in der Bibliothek von Juangriego, wo nachmittags Großmütter Boleros schmettern.

Audelis ist nach Hause gegangen. Sie sagt, dass sie Schläge kriegt, wenn sie zu spät kommt. Alvaro, der Kellner, findet, dass Audelis eine freche Göre ist, die es nicht nötig hat, die Gäste anzuschnorren.Vielleicht ist er bloß sauer, weil die Fortín-Nummer bei ihm nicht läuft. Audelis wird den Job sowieso nicht mehr lange machen können.

Information

Anreise:
Ab Frankfurt am Main mit Air France via Paris nach Caracas. Aktueller Tarif 539 Euro plus 176 Euro Steuern. Fünf Minuten vom internationalen Flughafen Caracas entfernt, liegt der nationale Airport, wo es außerhalb der Hauptreisezeiten auch kurzfristig Tickets nach Porlamar gibt. Der einfache Flug kostet circa 50 Euro

Beste Reisezeit:
Am ruhigsten ist es im Mai, Juni und Oktober. Die Regenzeit dauert von November bis Januar

Unterkunft:
Einfache Hotels und Pensionen gibt es in jedem größeren Ort, mit Zimmerpreisen schon ab knapp 7 Euro. In Juangriego zählt das Hotel Patrick’s zu den besten Unterkünften (Tel. 0058-295/2536218), Zimmer ab rund 16 Euro

Veranstalter:
Eine Woche im Hotel Dunes Beach Resort in Pedro Gonzalez bei TUI ab 1029 Euro (All-inclusive-Preis pro Person im Doppelzimmer mit Flug). Bei Neckermann kosten zwei Wochen im Costa Caribe Hotel bei Juangriego All-inclusive ab 1269 Euro. Zu buchen im Reisebüro

Mietwagen:
Verschiedene Autovermietungen haben eine Niederlassung vor dem Hotel Bella Vista in Porlamar, Av Santiago Mariño (Preise je nach Kategorie ab circa 30 Euro pro Tag)

Auskunft:
Venezolanisches Fremdenverkehrsamt, c/o Botschaft der Republik Venezuela, Schillstraße 9–10, 10785 Berlin, Tel. 030/83224000, www.visit-venezuela.com

 
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