Zunächst müssen Angela Merkel die Ohren geklungen haben. Und Edmund Stoiber.

Die Union, so der Verband türkischer Unternehmer in Europa (ATIAD), sei mit ihren Anti-Türkei-Kampagnen mit schuld am Erstarken des Rechtsextremismus hierzulande. Wer deutsche Leitkultur propagiere, müsse sich über Gute Heimreise-Plakate nicht wundern, mit denen die NPD im Wahlkampf in Schleswig-Holstein warb. Vielleicht hatten die türkischen Unternehmer deren Einzug ins Kieler Landeshaus befürchtet und deshalb ihre Pressekonferenz über Maßnahmen gegen Rechtsextremismus für den Dienstag nach der Wahl angemeldet.

Aber auch nun, da die NPD im Norden es nicht geschafft hat, sind Maßnahmen gegen rechts nicht falsch. Die türkischen Unternehmer unterbreiteten auch gleich eine ganze Reihe von Vorschlägen - vom Jugendaustausch, der verstärkt werden müsse, über Führungen durch von Migranten geleitete Betriebe bis zum sorgsameren Umgang mit den Argumenten der Rechtsextremen. Langfristig sei man auch für ein Verbot jener Parteien, wenn die sich nicht zur demokratischen Grundordnung bekennen.

Doch seltsam. Fast zwangsläufig fällt selbst bei dieser Pressekonferenz irgendwann das Wort mit den vier Buchstaben, ohne das im politischen Berlin derzeit offenbar nichts mehr geht: Visa. Und was die türkischen Unternehmer dazu mitzuteilen haben, hätte eigentlich sofort Wirtschaftsminister Clement alarmieren müssen. Und den Kanzler dazu. Angeblich stehen in Deutschland 370 000 kleine und mittlere Unternehmen vor der Schließung, viele, weil deren Eigentümer keinen Nachfolger finden. Doch die Betriebe samt Arbeitsplätzen könnten gerettet werden. Sagen jedenfalls die Verbandsvertreter von ATIAD.

Und die Rettung liegt, wen wundert's?, in der Türkei. Nur gehört die bekanntlich (noch) nicht zur EU. Also braucht man ein Visum. Und genau an diesen Visa mangelt es eben. Denn seit den unschönen Ereignissen in der Kiewer Botschaft würden auch in der Türkei deutsche Vertretungen Einreiseanträge sehr restriktiv behandeln.

In Franken hätte das beinahe einige hundert Arbeitsplätze gekostet. Ein türkisches Konsortium hatte 80 Millionen Euro in ein Nürnberger Traditionsunternehmen investiert und es dadurch gerettet. Der Prokurist des Konzerns musste jedoch mehrere Monate auf sein Visum warten, um nach Deutschland einzureisen.

Es sieht so aus, als sei nach Kiew eine neue Zeitrechnung angebrochen. Selbst türkische Beschäftigte deutscher Tochterunternehmen, die beruflich zwischen beiden Ländern pendeln müssten, bekämen jetzt kein Visum mehr, klagen die Verbandsvertreter von ATIAD.