Wann immer der Sänger Heinz Rudolf Kunze irgendwo auftaucht, will man sofort umschalten. Denn meist folgt sogleich der ewige Sermon von einer Quote für deutschsprachige Musik im Radio: Nach französischem Vorbild setzt Kunze diese bei 40 Prozent an und wirbt dafür in wechselnden Koalitionen. Man kann das ignorieren und hoffen, dass sich der kollektive Restverstand nicht kleinkriegen lässt, man kann sich aber auch mit einem künstlerischen Gemeinschaftsunternehmen dagegen wehren.

Quotenrocker heißt die Kompilation aus dem Hause tapete records (TR 056), auf der Bands von den Ärzten bis hin zu den Sternen eingedeutschte Coverversionen englischsprachiger Hits spielen. Im Booklet wird polemisch Stellung bezogen, doch letztlich zählt, dass die Protestaktion schöne Lieder zutage fördert.

Mein süßes Kind, die Guns-'n'-Roses-Coverversion von der Band Wolke, zeigt, dass es nicht die englische Sprache ist, die einen guten Song macht, sondern die Musikalität beim Umgang mit ihr. Dieser Song wäre auch auf Deutsch ein Hit geworden - wenn man selbst drauf gekommen wäre.

Wo die Originale nicht bloß parodistisch eingedeutscht, sondern mit eigenen Mitteln anverwandelt werden, kommt erstklassiger Pop heraus. Höhepunkt: Alles ist völlig offen von Justin Balk, der Tom Pettys Song Into The Great Wide Open auf hiesige Musikerbiografien überträgt: Eddie wartete bis zum Abitur / Will was von der Welt sehen / Schafft es bis Berlin nur. Es gibt in Deutschland eben keinen Tom Petty, keinen Serge Gainsbourg. Deshalb ist die Gesamtbotschaft ebenso humorvoll wie selbstkritisch: Um sich großer Aufmerksamkeit sicher zu sein, müssen deutsche Musiker nur großartige Songs schreiben.

Die Idee klingt simpel, hat aber den Haken, dass musikalische Qualität nicht automatisch Hits hervorbringt. Tatsächlich wäre gerade im Independent-Bereich der Mut zum Ohrwurm gefragt, den die angloamerikanische Popmusik vorlebt und der auch radikale Produkte in den Mainstream trägt. Anhand von Quotenrocker erkennt man aber zumindest einen neuen Ehrgeiz, das ästhetische Rätsel, wie man den großen deutschsprachigen Radiohit schreibt, ganz allein zu lösen. Als wollten die Bands sagen: Vergesst die Quote, ergründet das Ohrwurm-Knowhow!