In Albert Lortzings Oper Der Waffenschmied singt Marie, die Tochter eines dickköpfigen Vaters: "Wir armen, armen Mädchen sind gar so übel dran." Sie ist ein kesses junges Ding und erhofft sich was vom Leben. In der Biedermeier-Welt, in der sie zu Hause ist, heißt das: Sie wünscht sich einen Ehemann. In einen Grafen hat sie sich verliebt, aber gegen den Adel hat der strenge, bürgerliche Herr Vater was. Schließlich bekommt sie ihren Liebsten doch, weil er sich nur als Adliger verkleidet hatte, um sie auf eine Liebesprobe zu stellen. So geht es zu in Lortzings spitzgiebeliger Welt: Das Glück der bürgerlichen Familie wird ein bisschen durcheinander geschüttelt und am Ende wieder zusammengefügt. Zum Schlusschor reicht man sich die Hände. Alles ganz herzallerliebst.

In München hat nun Katharina Wagner den Waffenschmied inszeniert. Auch sie ist die lebenshungrige Tochter eines dickköpfigen Vaters. Der heißt Wolfgang Wagner, ist Chef der Bayreuther Festspiele und will, dass Katharina (26), Richards jüngste Urenkelin, seine Nachfolge am Grünen Hügel antritt. Und im Staatstheater am Gärtnerplatz zeigt Katharina Wagner, wie man so ein heikles Vater-Tochter-Verhältnis auch interpretieren kann: Entmündigt, das Mädchengesicht zur Maske erstarrt, sitzt Marie am Familientisch, wenn sie ihre "Wir arme, arme Mädchen"-Arie singt. Beim Aufstehen sieht man, dass sie mit einer dicken Panzerkette an den Vater gefesselt ist. Der demütigt sie, schließt sie weg mit den Worten: "Bei einem jungen Ding wie dir ist gar nicht klar, was es eigentlich will!", und treibt sie brutal in eine Zwangsheirat, die nur seinen Geschäftsinteressen nutzt. Hier reicht sich niemand mehr die Hände.

Von Lortzing handelt Katharina Wagners Inszenierung an dieser Stelle kaum. Die Musik und das Libretto kennen solche Vaterhärte nicht. Will die Regisseurin da von etwas anderem erzählen? Macht sie sich mit einer selbstironischen Pointe darüber lustig, wie sich die voyeuristische Öffentlichkeit die Verhältnisse zu Hause im Wagner-Clan vorstellt? Oder spürt sie tatsächlich manchmal das Gewicht der dynastischen Panzerkette?

Die Auserwählte muss beweisen, dass sie alte Stücke ganz neu lesen kann

Der Erwartungsdruck auf die neue Bayreuther Hoffnungsträgerin wird von Inszenierung zu Inszenierung größer. Man muss sich im Gärtnerplatztheater nur im Parkett umschauen, um zu erahnen, wie sehr sie unter Beobachtung steht. Alle, die in Bayreuth etwas zu sagen haben, sind gekommen – die bayerischen Kulturpolitiker, die Damen und Herren von den Richard-Wagner-Verbänden, die Dirigenten Christian Thielemann und Adam Fischer. Und in der Ehrenloge thront der Festspielprinzipal mit Gattin Gudrun. Dabei ist Katharina Wagner doch eigentlich noch eine Regieanfängerin. Erst zwei Opern hat sie eigenverantwortlich auf die Bühne gebracht, einen Fliegenden Holländer in Würzburg und einen Lohengrin im fernen Budapest. Lortzing ist eine weitere Übungsstation auf dem Weg zu den Meistersingern, die sie 2007 zu Hause im Festspielhaus inszenieren wird. Zur Abwechslung mal was Leichtes, ein deutsches Singspiel aus dem frühen Umfeld des Urgroßvaters, das Nürnberg der Meistersinger ist ja im Waffenschmied nicht weit.

Eine brave Fingerübung kann sich die Auserwählte allerdings nicht leisten. Sie muss Furore machen. Sie muss beweisen, dass sie Stücke ganz neu und anders lesen kann und frischen Wind in den verstaubten Laden am Grünen Hügel bringen würde – ohne freilich die Traditionalisten allzu sehr vor den Kopf zu stoßen. Ihre Münchner Lortzing-Produktion ist unter solchem Überanspruch kläglich zusammengebrochen. Vergeblich jagt sie drei Akte lang den steilen Thesen hinterher, die sie auf das Stück loslässt. Am Leichten aber hebt sie sich einen Bruch – wobei der subtile Witz noch nie eine Stärke der Wagners war.

Unter der Zipfelmützigkeit des Waffenschmieds gärt das Revolutionäre, so lautet ihr grundsätzlich nachvollziehbarer Regieansatz. Die Metternichsche Zensur, so die Inszenierungsthese, ist allgegenwärtig. Lortzing war in der Tat politischer, als seine Stücke (mit Ausnahme der letzten Oper Regina) vermuten lassen, und in der Hauptfigur des Waffenschmieds Hans Stadinger schlummert ein revolutionärer Freigeist. Das wäre mit einem feinen Inszenierungsbesteck herauszupräparieren gewesen. Aber Katharina Wagner und und ihr Dramaturg Robert Sollich wollten lieber die großen, groben Hebel ansetzen. In Stadingers guter Stube steht nicht nur die Druckerpresse für politische Pamphlete, die ganze Bühne versinkt am Ende des ersten Akts mit umgestürztem Mobiliar und viel Trockeneisnebel im revolutionären Barrikadenkampf. Stadinger, der vor der Pause standrechtlich erschossen wird, beginnt nach der Pause auf wundersame Weise ein zweites Leben und steigt zum Rüstungsgroßindustriellen im Wilhelminischen Kaiserreich auf.

Geschichtspanorama mit Stechschritt und Potz-Blitz-Donner

Ein Geschichtspanorama vom Vormärz bis zum Ersten Weltkrieg versucht Katharina Wagner aufzuspannen und bastelt sich dafür ihr eigenes Stück. "Eine deutsche Geschichte in drei Teilen. Eine Version des Gärtnerplatztheaters", heißt es auf dem Programmzettel. Aus Lortzing wird eine konfuse Lortzing-Revue. Man sieht eine Stechschrittparade von Pickelhaubenträgern und Champagner schwenkendes Großbürgertum. Man hört neben Lortzing den Radetzkymarsch und Richard Wagners Huldigungsmarsch von 1871. Stadinger blickt zufrieden auf sein Krupp-Stahl-Imperium und feuert die Dicke Berta ab – doch leider ist der Hauptdarsteller Holger Ohlmann als Barrikadenstürmer genauso unglaubwürdig wie als zynisch kalter Konzernchef. Das Orchester unter David Stahl neigt insgesamt dazu, die (wenigen) lyrischen Passagen zu vernuscheln und den Rest mit Potzblitz-Donner herauszuplärren. Zu den Klängen der Wilhelminischen Kaiserhymne rücken am Ende alle für ein gequältes Hochzeitsbild zusammen, während im Hintergrund schon die Landser des Ersten Weltkriegs sterben und die Livrierten blutige Leichenteile unter Silberhauben servieren.

Katharina Wagner und ihrem Team ist da einiges aus dem Ruder gelaufen. Sie will die politsche Wahrheit hinter dem Stück aufdecken und legt die Partitur dafür allzu unbekümmert zur Seite. Vor allem aber versucht sie das Biedere mit dem Biederen auszutreiben. Grässlich voll gestopft ist ihre Bühne, in den Massenszenen ein inhaltsleeres Wuseln und Winken wie in den schlechten Inszenierungen ihres Vaters. Am schlimmsten ist das Eröffnungsbild: Stadingers Haus ragt als großes, holzgeschnitztes Medaillon auf, das wie eine bunt bemalte Kulisse aus dem Musikantenstadl wirkt. Davor zupfen Bürger im Nachtrock das Unkraut von der Straße, und Handwerker löffeln Suppe unter einer Gartenlaube. Für die nächsten Bayreuther Meistersinger und die Zukunft der Festspiele lässt das vorerst nichts Gutes ahnen.