Erinnert wird vor allem das, was medial präsentabel ist – und bewegte Bilder zum »Dritten Reich« gibt es in Hülle und Fülle. Dementsprechend wird der Ausstoß der Medien in diesem Jahr des Gedenkens an 1945 einen neuen Höhepunkt erreichen. Die Deutschen: Weltmeister im Vergangenheitsbewältigen? Können wir uns also bequem zurücklehnen?

Historiker sind nicht für Bequemlichkeiten zuständig, sie führen uns das Prekäre, das Unbehagliche vor Augen – jedenfalls wenn sie ihr Metier verstehen wie Norbert Frei. Er, der nach Jahren in Bochum jetzt in Jena lehrt, ist zurzeit sicherlich einer der deutungsmächtigsten deutschen Zeithistoriker. In seinem schmalen, aber gehaltvollen Band liefert er dafür einen neuen Beweis.

Die Erinnerung an die NS-Zeit ist gegenwärtiger denn je, und der Grund dafür liegt paradoxerweise im Aussterben der Zeitzeugen. Diese These durchzieht wie ein roter Faden Freis Überlegungen. Eine Epoche, so sagt er, geht zu Ende, wir befinden uns an der Schwelle des Übergangs von der Erfahrung zur Geschichte. Deshalb brechen nun so vehement die Erinnerungskämpfe aus.

Wenn Zeitgeschichte, der berühmten Definition von Hans Rothfels zufolge, die »Epoche der Mitlebenden und ihre wissenschaftliche Erforschung« ist, was bedeutet es dann, dass die Periode des Nationalsozialismus aus der Zeitgeschichte entlassen wird? Laut Frei eröffnen sich damit ganz neue Perspektiven: Es muss nicht länger falsche Rücksicht auf die Biografien und Interessen einstiger Täter, Mittäter und Nutznießer genommen werden. Zudem wird man stärker Kontinuitäten betonen und damit auch die Zäsur von 1945 relativieren. Der politische Bruch war zwar tief, doch in manchen gesellschaftlichen Bereichen sind die Einschnitte in den sechziger Jahren bedeutsamer.

Wie sehr die Bundesrepublik im Blick auf den Umgang mit der NS-Vergangenheit eine lernende Demokratie war, macht Frei überzeugend deutlich. Zwischen 1945 und 1949 gab es unter alliierter Regie zunächst eine Phase der politischen Säuberung. In den fünfziger Jahren folgte, was Frei »Vergangenheitspolitik« nennt. Pointiert gesagt, ging es um die »Bewältigung der frühen NS-Bewältigung«: Teile der Entnazifizierung wurden rückgängig gemacht, Politik und Justiz verzichteten auf eine Strafverfolgung der Täter – ein Skandal sondergleichen. So wurde im Klima des Beschweigens die bundesdeutsche Gesellschaft nach innen integriert, auf Kosten der Opfer des Nationalsozialismus.

Ende der fünfziger Jahre trat eine Wende ein, die Frei mit der Formel »von der Vergangenheitspolitik zur Vergangenheitsbewältigung« beschreibt: Das Hauptverbrechen der NS-Zeit, der Mord an den europäischen Juden, rückte in den Mittelpunkt. Ein Erinnerungsimperativ entstand, und der kontrastive Rückbezug auf das »Dritte Reich« wurde zum Ausweis eines guten Bundesbürgers. Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus wurde vom Stigma des »Vaterlandsverrats« befreit. Mitte der siebziger Jahre begann sich auch die Sicht auf den Zweiten Weltkrieg zu verändern. Hatten noch wenige Jahre zuvor Generäle der angeblich »sauberen« Wehrmacht in ihren Memoiren den »verlorenen Siegen« nachgetrauert, so setzte sich nun allmählich das Wissen um die Verbrechen im Vernichtungskrieg in Osteuropa durch. Und heute? Einerseits scheint die globalisierte Holocaust-Erinnerung so abstrakt, dass sie die Frage nach den Tätern aus den Augen verliert; andererseits entdecken die Deutschen seit einigen Jahren ihre Opfergeschichte.

So leben wir, wie Frei hervorhebt, in einem »Zeitalter der Opferkonkurrenz«. Zeichnet sich ein radikaler Perspektivenwechsel ab: von den Opfern der Deutschen hin zu den Deutschen als Opfer? Erinnerungen an Bombenkrieg, Flucht und Vertreibung, aber auch Ansprüche auf Anerkennung der Verbrechen der SED-Diktatur versuchen sich gegenseitig den Rang abzulaufen. Ein neues Geschichtsgefühl macht sich breit. Es ist noch diffus und versucht uns einzulullen. Norbert Frei trägt seinen Teil dazu bei, dass wir es uns nicht zu bequem machen. Seine Analysen sind messerscharf, seine Sprache ist ebenso luzide wie prägnant, sie ist anschaulich und bringt die Entwicklungen, Strukturen und Prozesse präzise auf den Punkt.

Thematisch wird der Bogen weit gespannt: von der Gegenwart der Vergangenheit über das Epochenjahr 1933, den Mythos Stalingrad, die Debatte um die »Volksgemeinschaft« bis zur zähen Legende von der »Kollektivschuldthese« in der Nachkriegszeit und Auschwitz als deutschem Gedächtnisort. Die Beiträge des Bandes sind bis auf einen bereits an anderer Stelle erschienen, doch jetzt, in der Gesamtschau, wird das Generationenprojekt der jüngeren Zeithistoriker, die wie Frei in den fünfziger Jahren geboren sind, sichtbar: »Die Unmittelbarkeit dieser Erfahrung – als Opfer, als Täter, als Zuschauer, als Historiker – geht nun verloren«, schreibt er an einer Stelle, »aber vielleicht bleibt so etwas wie eine gelernte Zeitgenossenschaft.« Die Lernprozesse aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in die Zukunft der nächsten Generationen hinein zu bewahren und zu entwickeln: Das ist die Aufgabe der (Zeit-)Geschichte.