Niemand soll glauben, Paul Ryan meine es nicht ernst. "Wir legen großen Wert darauf, eine Reputation aufzubauen", sagt der Anwalt aus Kalifornien. Es ist ihm wichtig, dass dieser Teil des Interviews gewissenhaft notiert wird. "Wir stehen in dem Ruf, niemals locker zu lassen. Uns zu ignorieren kann sehr teuer werden."

Es ist ein sonniger Nachmittag im Coral Casino Club, dem Tummelplatz der Reichen und Schönen im kalifornischen Santa Barbara. Unter der leicht bekleideten Jugend am Pool fällt Ryan sofort auf: der distinguierte Gentleman in der gedeckten Anzugkombination; die graue Eminenz, die sich einen Platz im Schatten gesucht hat und lustlos an der Limonade nuckelt. Doch Ryan gehört hierher. Er besitzt sogar ein Haus in Santa Barbara. Leisten kann er sich das allemal. Paul Ryan ist ein Pionier in einem explodierenden Wachstumsmarkt. Sein Geschäft: Unternehmen erpressen.

Dieses Wort würde er selbst natürlich nie in den Mund nehmen, und juristisch wäre dieser Vorwurf gewiss nicht haltbar. "Erpresser", "Terrorist" oder "Troll" nennen ihn selbst erbitterte Feinde nur hinter vorgehaltener Hand. Allein schon aus Angst davor, verklagt zu werden. Denn der Anwalt verdient seinen Lebensunterhalt damit, Widersacher vor den Richter zu zerren. Seine Firma trägt den stachligen Namen Acacia Technologies. Sie ist eine der größten und aggressivsten "Verwertungsfirmen für geistiges Eigentum". Unternehmen dieser Art versetzen seit einigen Jahren High-Tech-Branchen wie die Computer- und Software-Industrie oder die Biotechnologie in Angst und Schrecken.

Ryan und seine 22 Acacia-Kollegen haben in den vergangenen Jahren eine Fülle von Patenten gekauft, die lange in Schubladen geschlummert hatten und von denen häufig niemand wusste. So beansprucht die Firma heute die Erfindung für sich, Videoclips elektronisch durch eine Datenleitung zu übertragen – ob das auf einer Internet-Seite geschieht, im Pay-per-View-Fernsehen oder auf 3G-Handys der neuesten Generation. Sie besitzt zudem Patente für das Anmelden in drahtlosen Internet-Zugängen, für handgeführte medizinische Endoskope, für allerlei Feinheiten bei der Abwicklung von Kreditkartenzahlungen im Internet und dergleichen mehr. "Es geht uns darum, den vielen kleinen Erfindern zu ihrem Recht zu verhelfen", sagt Ryan treuherzig.

Seit dem vergangenen Sommer liefert die amerikanische Post zunehmend mehr bedrohlich formulierte Briefe von Acacia aus. Sie sind an Pay-per-View-Kanäle und an Hotels mit digitalen Zimmerfernsehern adressiert, an die Betreiber pornografischer Web-Seiten mit Videoangeboten, an die New York Times, an die Mediengruppe Bloomberg und viele andere Empfänger. Die Johns-Hopkins-Universität etwa erhielt eine Rechnung von Acacia, die nach Hochschulangaben zwei Prozent ihrer gesamten Einnahmen verschlingen würde – weil sie einige Vorlesungen ins Internet stellt.

Ohne teuren Anwalt sind Erfinder wehrlos – und verlieren ihre Rechte

Nur wenige Empfänger der Briefe wehren sich. Knapp 3000 Angeschriebene haben zügig klein beigegeben. Das liegt zum Teil daran, dass Ryan schnell seine Preise erhöht, wenn sich die Adressaten bockig zeigen. Jedenfalls nimmt Acacia für einige seiner Patente jährlich zweistellige Millionensummen ein.

"Da legen viele Leute lieber gleich das Geld auf den Tisch", sagt Greg Aharonian. Es koste nämlich allein schon 20000 Dollar, einen guten Patentanwalt nach seiner Einschätzung des Falls zu fragen. Ein komplettes Verfahren könne schnell mehrere 100000 Dollar verschlingen. Der Ingenieur aus San Francisco kennt sich aus in dem Geschäft. Sein kleines Apartment am Embarcadero ist übersät mit Zeitungsausschnitten, juristischen Fachschriften, Aktenordnern und alten Industriemagazinen. Denn Aharonian verdient sein Geld in der gleichen Branche wie Paul Ryan – nur auf der Gegenseite. Er ist ein Detektiv für Patentfragen. Das bringt ihm pro Fall vier- bis fünfstellige Dollarsummen ein. "Man lebt ganz gut davon", sagt er und verzieht das Gesicht.