Zwei sind möglich, einer ist fest eingeplant, gar keine Trophäe – nicht auszudenken. Kein Oscar für Jamie Foxx’ Nebenrolle in Collateral wäre eine Enttäuschung, kein Oscar für seine Darstellung in Ray, dem Film über die Lebensgeschichte des Ray Charles, eine Niederlage, ein Affront nach all dem Lob, das über seine schauspielerische Leistung ausgeschüttet worden ist. Selten waren Kritik und Publikum sich so früh so einig, praktisch mit der Premiere von Ray beim Filmfestival in Toronto vor fünf Monaten erfolgte die Kür zum vielversprechenden Kandidaten. Inzwischen hat er einen Golden Globe bekommen, und zahlreiche Jamie-Foxx-Porträts in den US-Medien haben den Erwartungsdruck ins Monumentale gesteigert. Zur Stunde machen die Wettbüros das Geschäft der Saison mit der Frage, ob zum ersten Mal in der Geschichte Hollywoods ein afroamerikanischer Schauspieler zwei der höchsten Auszeichnungen erhält.

Kein Opfer, kein Scheiternder, sondern einer, der die Kontrolle erlangt

Nicht ganz dieselbe Prozedur wie jedes Jahr also, die Sonntagnacht ausgestrahlt werden wird, es geht um die Krönung eines designierten Superstars, den Aufstieg vom Fernsehkomiker zum Erfolgsschauspieler großen Stils. Vorsorglich recycelt die Fachpresse noch einmal, was über Foxx bekannt ist: dass er eigentlich Eric Bishop heißt, wie Ray Charles aus den Südstaaten stammt, dass er ein klassischer Aufsteiger ist, eine Siegertype, die sich einen Ruf als lebenslustiges Party-Animal erworben hat, für Ray allerdings zum harten Arbeiter konvertierte und von der Soul-Legende höchstselbst noch zu Lebzeiten zum einzig geeigneten Ray-Charles-Darsteller geadelt wurde. Wieder und wieder bringen die Sendeanstalten den Trailer, der zeigt, wie der blinde Seher seinen filmischen Wiedergänger am eingeübten Klavierspiel "erkennt", und die Trendbörsen berichten, dass so genannte biopics Konjunktur haben. Das Bemerkenswerte an Ray: Trotz des branchenüblichen Rummels handelt es sich um einen tollen Film. Die Leistung des Hauptdarstellers erklärt einiges daran, aber nicht alles.

Dass Jamie Foxx seine Figur mit einer Hingabe spielt, die an Illusionstheater grenzt, ist zur Genüge festgestellt worden, man kann es aber nicht oft genug wiederholen: Bis in die kleinste Nuancierung trifft Foxx den linkischen, leicht torkelnden Gang eines Blinden, seine Versuche, sich die Welt über Geräusche und Tastsinn zu erschließen, die Art, wie er den Oberkörper beim Finale eines Songs nach hinten reißt. Foxx hat gehungert, um sich auch physiognomisch seinem Vorbild anzunähern, er hat sich die Augen mit Lidprothesen versiegeln lassen, um zu wissen, wie es ist, wenn die Welt um einen herum dunkel bleibt – Extreme Acting im Stil Robert de Niros oder Dustin Hoffmans. Und doch wäre sein Einsatz nichts ohne die Regiearbeit von Taylor Hackford. Hackford, zu Unrecht als bloßer Routinier verschrien, rekonstruiert die Atmosphäre der Juke-Joints und Blues-Kneipen mit der Detailliebe eines etwas altmodischen Historikers: slangdurchsetzt die Dialoge, whiskyfarben die Dekors. Lange verweilen lässt er seinen Helden allerdings nirgends: "Hit the road, Jack…"

Ray funktioniert als Musikfilm so wunderbar, weil er mehr ist als ein Musikfilm. Er erzählt die Geschichte vom Jungen, der sich gegen eine feindliche Umwelt durchsetzen muss und dabei so uramerikanische Tugenden entwickelt wie Galgenhumor, Erfindungsgabe und Straßenschläue. Gleich zu Beginn wartet der Held an einer staubigen Haltestelle auf den Bus, der ihn zum Gig in die ferne Stadt bringen soll.

Der Fahrer, ein mürrischer Mann in Uniform, mag Schwarze noch weniger als Behinderte, aber kann man einem, der sich als Weltkriegsveteran ausgibt, die Unterstützung verweigern? Kurz darauf muss Ray sich in einer Bar beim Vorspielen gegen eine ganze Riege stiernackiger Mitmusikanten durchsetzen, die Country in ihrem Repertoire wollen und nichts als Country. Wenn diese Jungs Traditionalisten sind, bleckt er eben die Zähne und spielt Country, schließlich hat seine Mutter ihm mit auf den Weg gegeben, dass niemand einem hilft, wenn man sich selbst nicht zu helfen weiß. Blues als Überlebenskunst, die auch dort zum Einsatz kommt, wo die Schatten der Vergangenheit übermächtig werden.

Die Psychologie holpert ein wenig, wenn die Dämonen auftreten, wenn gegen Ende alle Traumata und Laster eines langen Lebens als Entertainer auf einmal überwunden werden müssen: der Tod des Bruders, Charles’ Heroinsucht, seine Neigung, sich mit anderen Frauen als der eigenen Ehefrau abzugeben – Hollywood bleibt letztlich doch Hollywood. Die Pointe ist hier ohnehin eine andere. Hackford lässt seinen Helden davonkommen, weil er ihn als den zeigen will, der er historisch auch war: kein Opfer, kein tragisch Scheiternder, sondern einer der ersten schwarzen Künstler, die die Kontrolle über ihre Produktionsbedingungen erlangten.

Ein Kultfilm, der getragen wird von der Liebe zum Blues