Medien Rettet das Radio!Seite 7/7

»Auf deutschen Kindersparbüchern lagern fünf Milliarden Euro«, insistiert Köhler, ein Mann in den besten Jahren, kinderlos, Inhaber einer Agentur für Funkspots. »Wir können die Kinder von Werbung nicht weghalten.«

Die Kindereien im deutschen Rundfunk werden erst enden, wenn es mehr Programme gibt und damit endlich richtigen Wettbewerb. Die technischen Voraussetzungen sind da: im Äther wie im Internet.

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Gerhard Stoll, Diplom-Ingenieur beim Münchner Institut für Rundfunktechnik, erinnert sich noch an den September 1988, als er auf einer Konferenz in Genf das erste digitale Autoradio vorführte. Es stand als großes Gestell im Kofferraum eines Renault Espace, ein Testsender funkte vom Mont Salève; alle 20 Minuten musste Stoll die Fahrt unterbrechen, den Kofferraum öffnen und das erhitzte Gerät mit Eisspray herunterkühlen. Das waren Zeiten!

Inzwischen ist das Digital Audio Broadcast (DAB) ausgereift, Stoll hat den internationalen Standard mitgeschrieben. Träte DAB an die Stelle von UKW, könnte es auf einen Schlag fünf- bis siebenmal so viele Sender geben, noch dazu in CD-Qualität. Woran scheitert’s?

Nun, in Deutschland gibt es mehr als 200 Millionen analoge Empfangsgeräte, in Duschen, Werkstätten, Wohnzimmern, Fahrzeugen…, die könnte man dann alle wegwerfen. Zudem ist ein DAB-Radio noch relativ teuer, und weil kaum jemand eines hat, gibt es auch nur sehr wenige Programme. Die Sender haben im Übrigen gar kein Interesse daran, mehr Programme anzubieten: Das würde ihr auf die Einfaltquote eingestelltes Wirtschaften nur erschweren.

Das Internet kennt keine Frequenzen. Hier sind der Zahl der Sender keine Grenzen gesetzt. Die Qualität der Übertragung nimmt ständig zu. Wer zu Hause oder im Büro einen DSL-Anschluss mit Flatrate hat und beispielsweise www.live365.com ausprobiert, der rührt so schnell kein normales Radio mehr an. Da tut sich eine neue Welt auf.

Schon wird die Tonträger-Industrie nervös: Das legale Mitschneiden von Online-Programmen in MP3-Qualität könnte sich für Urheber, Hersteller und Händler zu einem noch größeren Problem entwickeln, als es die illegalen MP3-Tauschbörsen sind. Die GVL, eine Schwesterorganisation der Gema, drängt in Berlin auf Gesetzesänderungen und verlangt neuerdings deutlich höhere Lizenzgebühren von Internet-Radios.

Wie rasant das Tempo ist, lässt sich an der jüngsten Entwicklung erkennen: dem podcasting , das es erst seit einem halben Jahr gibt. Erfunden und ins Internet eingeführt hat es der frühere MTV-Moderator Adam Curry. Er schrieb eine Software, die den iPod befähigt, ohne große Fummelei, nahezu automatisch, komplette Radiosendungen (broadcasts) zu laden. Man schließt seinen MP3-Player morgens kurz an den Computer an und nimmt sich die nach eigener Wahl aus dem Netz gesogenen Programme mit, um sie über den Tag verteilt zu hören. Das ist zeitversetztes Radio zwar, aber portables, im Auto wie überall zu hören, wo kein Internet-Anschluss zur Verfügung steht. Die Website www.ipodder.org hält die Software kostenlos bereit; dort lässt sich auch das rasch wachsende Angebot an Sendungen verfolgen.

Jene Firma Tivoli Audio, welche die kleinen Manufactum-Radios herstellt, hat schon reagiert und speziell zum Anschluss des iPods ein neues Gerät herausgebracht, das iPal. Aus ihm spricht die Hoffnung: Bald gibt’s sie wieder, die guten Sender.

Anhang: Zwei Online-Hörtipps

Sunday Service von Sandra und Patrick Ziegelmüller auf dem Hamburger FSK, für alle Freunde alternativer Klänge

Radio FM4 in Österreich, wo den ganzen Tag über interessante aktuelle Musik jenseits des Mainstreams läuft

 
Leser-Kommentare
    • illari
    • 13.07.2006 um 9:21 Uhr

    Glückwunsch. Besser kann man die ermüdende Formatradio-Szene kaum zusammenfassen. Aller "Ausschaltimpulse" (welch Unwort) zum Trotz: es muss doch auch jenseits von DAB und MP3 einen Markt für wirklich innovative Radioformate geben. Dass gerade auch die meisten öffentlich-rechtlichen Vorreiter dieses Thema völlig verpeilen, ist ein äußerst tiefgreifendes Problem. Legen Sie bitte den Finger weiter in die Wunde.

    • Bibo59
    • 01.07.2006 um 20:38 Uhr

    Gibt es eigentlich einen Sender in oder um Hamburg bei dem man nicht in aller Herrgottsfrühe von "achwasbinichheutelustig"-Moderatoren in diesen unerträglichen Morningshows zugequatscht wird?

    Alster-Radio hat ein relativ erträgliches Programm und abends um 22.00 trauen sie sich auch schon mal "Dark side of the Moon" auszuspielen. Aber morgens....das nackte Grauen!

  1. Vorbild für hochqualitativen öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist meiner meinung nach Österreich 1. Vielleicht das derzeit beste Radio in Europa.
    Gibt es übrigens auch im Internet zu hören.

    Eine Leser-Empfehlung
  2. 4. Radio

    NDR 2 oder Kultur

  3. hä???

    aha, ich hab' mich schon des öfteren gewundert, warum die zeit sich so schrecklich uninformiert gibt und manchmal weniger zu wissen scheint als ich. jetzt habe ich endlich ne antwort, weil wissen "langweilig" ist, wenn nicht zwischendrin etwas rockiges ballert.

    musik jenseits von klassik (gibts beim dlf so selten, daß ich mich frage, wann der autor die gehört haben will) bieten zb. die sendung rock etc (montags, 22.05), der soundcheck (freitag auf samstag, 1.00 - 3.00, wenn nicht gerade udo vieth moderiert, die beste sendung überhaupt!), eigentlich fast der gesamte freitag abend mit live konzert und (ja) jazzfeature. corso hat, soweit ich das sehe, auch nachmittags ein bißchen musik.

    mehr muss nicht sein, ich höre leuten lieber beim intelligenten gespräch zu

  4. Danke für diesen Artikel - auch wenn ich mit Ihrer Beurteilung über DLF nicht zustimme - neben NDR Info der noch einzig hörenswerte Sender.Für den geneigten Leser hier ein ergänzender Link über meine aktive, etwas untypische Rolle im Privatfunk von 1986 - 1997:http://www.grenzwellen.co...Besten GrußEcki Stieg

    • jaenis
    • 03.03.2008 um 22:27 Uhr

    meine Bewunderung tippen: Eine Bewunderunge für das einmalige und hervorragende Radioformat Bayern2Radio.Das Radioprogramm hat alles: Infotainment, Information, Bildung, Heiteres, Schwerverdauliches, Liebenswertes, Interessantes, Nachdenkliches… und vor allem "es menschelt" trotz aller Information.Mann und Frau muss nicht wirklich alles hören wollen. Aber es ist einfach herrlich, auch mal doch den iPod zu klicken, oder gar das Vinyl zu handeln. Es macht Lust auf Leben neben dem Radio, und begierig dann später doch wieder die Frequenz anzutasten.Den Spagat der Musikrichtungen hinzubekommen, ist mehr als nur einen Orden wert. Und das Informations- und Weiterbildungsprogramm ist eine abgerundet mit…Ach, egal. Ich stoppe hier. Hören sie doch selbst.Und haben sie den Mut länger dran zu bleiben, und wieder einzuschalten. Es lohnt sich.Nein, ich werde nicht vom Bayrischen Rundfunk bezahlt. Im Gegenteil: Ich muss bezahlen. Dafür gibt's dann die Podcasts zum runterladen.

  5. 8. Radio

    Es lohnt sich ab und dann über Internet-Radiostationen, gewisse "Erweiterung " zu erfahren, reduziert sich aber auch nur auf expliziete Sender mit guter Moderation, eingeleitet mit guten Jingles. Zwecks ausgewogener Info eignen sich aber dennoch öffentliche Stationen mit ihren "Nebenprogrammen".

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