Ein Streik lag in der Luft. Die Gewerkschaften schrien auf, die Zeitungen schrieben – und brachten das Feuer in der Gerüchteküche zum Lodern. Reuters, die Grande Dame der Nachrichtenagenturen, wolle in der Londoner Zentrale in der Fleet Street mehr als zehn Prozent der Mitarbeiter feuern, hieß es vergangenen Herbst. In einer Abstimmung im November habe sich die überwältigende Mehrheit der Reuters-Journalisten für Kampfmaßnahmen ausgesprochen. Eine endgültige Abstimmung werde es im Januar geben.

Nun ist der Januar verstrichen, der Februar auch, und von einem Streik spricht niemand mehr.

"Wir wollten nur klar machen, dass wir zum Arbeitskampf bereit sind, jetzt hören wir uns an, was Reuters im Detail plant", sagt Jeremy Dear, Chef der Journalistengewerkschaft NUJ.

Anlass der Aufregung war ein Wort, das in der westlichen Welt mittlerweile als Synonym für die Bedrohung von Arbeitsplätzen gilt: Off-Shoring – die Verlagerung von Jobs ins billigere, meist weit entfernte Ausland. Einst waren es nur Industrieunternehmen, die ihre Fließbandjobs umsiedelten. Doch längst haben auch Fluggesellschaften, Versicherungen und Computerfirmen ganze Büroabteilungen und Call-Center auf die andere Seite des Globus verlegt. Zuletzt sorgte die Deutsche Bank für Aufsehen mit der Ankündigung, sie werde Jobs in Frankfurt, London und New York streichen und dafür 1200 neue Arbeitsplätze in Osteuropa, Indien und China schaffen. Das kommt günstiger.

Kosten sparen – das will auch Reuters-Chef Tom Glocer. Jeder kennt Reuters als Nachrichtenagentur. Die weltweite Verbreitung von Neuigkeiten spielt für den Konzern allerdings längst eine Nebenrolle. 90 Prozent seines Umsatzes erzielt Reuters mit der Aufbereitung und dem Vertrieb von Firmendaten für Banken und Investmentgesellschaften. 400000 Abonnenten, Börsenmakler, Finanzökonomen und Analysten von New York bis Tokyo bekommen rund um die Uhr Firmeninformationen, Börsenkurse und die Zusammenfassung von Quartals- oder Jahresberichten auf ihren Reuters-Bildschirm gespielt. Es ist ihr Handwerkszeug, mit dem sie den globalen Wirtschaftskreislauf antreiben.

Zwar ist Reuters nach wie vor Marktführer, aber in den vergangenen zehn Jahren unterliefen dem Management schwerwiegende Fehler. Vor fünf Jahren, am Ende des New-Economy-Booms, hatte Reuters einen Marktwert von 23 Milliarden Pfund. Heute sind es gerade mal 1,4 Milliarden Pfund. Der Umsatz schrumpfte auf zuletzt 2,89 Milliarden Pfund im Jahr 2004. Konkurrenten wie Bloomberg und das Wall Street Journal haben der ehrwürdigen Firma in den vergangenen Jahren hart zugesetzt.

Preetie Bindra erfasst Firmendaten von 6000 Unternehmen aus aller Welt

Glocer hat deswegen ein Sparprogramm aufgelegt, mit dem er bis Ende nächsten Jahres 440 Millionen Pfund sparen will. "Rasch vorwärts" nennt er es. Und was er damit meint, ist "rasch auswärts". Reuters ist der erste Medienkonzern, der die Entstehung von Nachrichten von ihrem Ursprung trennt und Tausende von Kilometern entfernt zentralisiert – und zwar in Bangalore, in Südindien. Seit knapp einem Jahr erfassen hier kleine Teams internationale Firmendaten. Gearbeitet wird in zwei Schichten. Zwischen nachmittags um drei Uhr und morgens um vier Uhr sammeln die Datenbearbeiter Informationen über Unternehmen auf der ganzen Welt und bereiten sie für ihre Abonnenten auf.