Brüssel

Keine Vorspeise, kein Wein, kein Nachtisch und dann dieses Tempo. Während sich die europäischen Diplomaten am Nebentisch des Spesenrestaurants im Brüsseler Residence Palace gerade erst warm reden, hat Ron Asmus nicht nur gespeist. Der Amerikaner ist zudem mit der Analyse der transatlantischen Probleme fertig, hat Lösungen skizziert und wagt nun noch eine schnelle Prognose. "Ich bin verhalten optimistisch. Die kommenden drei Europabesuche von Präsident Bush könnten tatsächlich einiges verbessern", sagt Asmus und fügt dann noch lächelnd hinzu: "Davon hängt übrigens ab, wie mein Job in den nächsten vier Jahren aussehen wird."

Asmus ist wahrlich kein Bush-Fan. Im Gegenteil. Der Mann, der erst vor wenigen Tagen aus Washington nach Brüssel gezogen ist und daher wohl noch das amerikanische Tempo lebt, gilt als entschiedener Kritiker der republikanischen Außenpolitik. Einst als hochrangiger Diplomat im US-Außenministerium für Europa zuständig, schied er aus, als die Republikaner die Macht übernahmen, und arbeitete schließlich in der Hoffnung auf einen demokratischen Wahlsieg im außenpolitischen Team von John Kerry mit. Vergebens. Nun wird er im Brüsseler Exil das Europa-Büro des German Marshall Fund leiten, also inoffiziell an der Verbesserung der transatlantischen Beziehungen arbeiten. Doch von Frust keine Spur: "Ich bin ein politischer Unternehmer, meine Ideen sind meine Ware, und Brüssel ist ein Marktplatz mit tollen Möglichkeiten." Asmus ist eine der vielen Figuren, die in Netzwerken, Stiftungen und Think Tanks die kleinen Zahnräder der großen Politik drehen, Stimmung machen, Ideen produzieren und so das transatlantische Wetter mit beeinflussen.

"Wenn es die nicht gäbe, wäre auch nicht viel anders", sagt Fraser Cameron, der seinen Job in der EU-Kommission vor zwei Jahren verlassen hat, um das European Policy Center zu leiten. Der Brite, der auch in den USA als Diplomat gearbeitet hat, gießt gern mal Wasser in den Wein: Keiner der selbst ernannten Brückenbauer, so Cameron, habe in den vergangenen Jahren die amerikanischen Neokonservativen im Weißen Haus wirklich beeinflusst. "Unseren Nutzen kann man nur schwer messen", gibt auch Ron Asmus selbstkritisch zu. Und doch, als am Tag nach dem Gespräch mit ihm gleich zwei, sonst sehr US-kritische, europäische Gesprächspartner fast wörtlich Asmus’ optimistische Worte über den Neubeginn der Beziehungen wiederholen, stützt das zumindest seinen Nachsatz: "Die Meinungen beeinflussen wir dennoch."

Manchmal selbstkritisch, manchmal selbstbewusst, immer häufiger aber mit diesem trotzigen "dennoch", verteidigen die meisten seiner Kollegen den Sinn ihrer Arbeit. So sagt auch James Elles: Man habe zwar nicht die generell schlechte Stimmung zwischen den beiden Kontinenten in den vergangenen Monaten aufhellen können, "dennoch", und auch der britische Europaabgeordnete wählt bewusst und betont dieses Wörtchen, "dennoch liefern wir Ideen, reden über langfristige Strategien und halten in Krisen beide Seiten zusammen". Er selbst hat vor einem Jahrzehnt das Transatlantic Policy Network (TPN) gegründet, das Politiker und Unternehmer von beiden Seiten des Atlantiks zusammenbringt. Vor ein paar Tagen war Bill Gates da, um über Internet-Sicherheit zu reden, anschließend kam Grant Aldonas, US-Staatssekretär für Handel, zum Abendessen und wurde mit Ideen für den Abbau von Handelsschranken gefüttert.

Es ist kein Zufall, dass all das ausgerechnet in Brüssel passiert. Je schlechter die politischen Beziehungen zwischen den USA und Europas Regierungen sind, desto wichtiger werden Kontakte in anderen Lebensbereichen: Wirtschaft, Technik und Sicherheitspolitik im engeren Sinn. Und die laufen eben immer stärker über Brüssel. Kein Wunder, dass inzwischen auch Washingtoner Think Tanks wie die Brookings Institution oder das American Enterprise Institute über Dependancen in Europas Hauptstadt nachdenken. Denn ganz nebenbei, so Elles Credo, kommt es in Brüssel eben immer wieder zu Debatten – beim Vortrag in einem Institut, bei den Arbeitsfrühstücken mit NGOs oder den Hintergrund-Abendessen – auf denen sich schon mal der eine oder andere Politiker unzitiert Luft machen kann, um dann am Ende vielleicht ein bisschen Verständnis auf der anderen Seite gefunden zu haben.