Vom Nutzen der Philologie

Zwei Liebeserklärungen an eine bemitleidenswerte Wissenschaft

Die Philologie gehört zu den bemitleidenswertesten Disziplinen der heutigen Universität. Der kulturpolitische Zeitgeist weht ihr eiskalt ins Gesicht, da sie nur zu kosten und nicht zu nützen scheint. Zum Schaden kommt vielfach der Spott: Die Philologen, so Kritiker wie Thomas Steinfeld, seien selbst schuld an ihrer Misere, da sie sich durch Überspezialisierung, methodologischen Narzissmus, eskalierendes Fachchinesisch und opportunistisches Fischen in fremden wissenschaftlichen Gewässern von ihrer eigentlichen Aufgabe und vor allem vom Lesepublikum abgekapselt hätten.

Zudem seien in den sechziger Jahren viele von ihnen der Parole der Studentenbewegung von der einzufordernden »gesellschaftlichen Relevanz« der Wissenschaft aufgesessen. Diese einst revolutionäre Parole aber ist auf dem langen Marsch durch die Institutionen längst beim kulturpolitischen Establishment angekommen, das den »nutzlosen« Geisteswissenschaftlern nun am liebsten den Garaus machen würde. Siehe Hamburg!

Die Philologie muss sich also ihrer Haut wehren, und sie tut das in letzter Zeit mit beträchtlicher Energie. Der Potsdamer Romanist Ottmar Ette beschwört voller Stolz auf die eigene Fachtradition – der Namen wie Erich Auerbach, Ernst Robert Curtius oder Hugo Friedrich zugehören – die »Aufgabe der Philologie«, welche darin bestehe, Lebenswissen und »ÜberLebenswissen« zu vermitteln. Seinem hoffnungsvollen Blick in die Zukunft steht der Schwanengesang auf die universitäre Philologie aus dem Munde von Thomas Steinfeld, dem Literaturchef der Süddeutschen Zeitung, gegenüber. Philologie als Lebensform lautet der Untertitel seines geschmeidigen Essays.

Er scheint Ettes Titel nahe verwandt. Beide Bücher sind Loblieder auf die Philologie und ihre Bedeutung für das »Leben«. Und doch ist der Gegensatz zwischen ihnen beträchtlich. Dem Potsdamer Ordinarius geht es vornehmlich um eine Rechtfertigung der Philologie im Kanon der Universitätsdisziplinen, dem Münchner Journalisten Steinfeld hingegen um den Nachweis, dass sie an der Universität ihre einst dominierende Rolle ausgespielt hat und in die Alltagskultur abgewandert ist, wo sie eine beispiellose Konjunktur erlebe. Die hohe Schule des Sammelns, Ordnens und Bewahrens – und das ist für Steinfeld die genuine Philologie – sei heute zur Leidenschaft der Fans auf dem Gebiet der populären Kultur geworden.

Hat sich die Philologie selbst das Wasser abgegraben?

Diese kuriose These ist nur vor dem Hintergrund von Steinfelds Lobpreis des Positivismus zu verstehen, der für ihn die im Grunde einzig legitime Methode der Philologie ist. So respektabel die Rehabilitierung einer Forschungsrichtung anmutet, deren Name von Literaturwissenschaftlern heute vielfach nur noch als Schimpfwort gebraucht wird, so wenig ist der These Glauben zu schenken, die Philologie sei durch die Verwandlung aus einer positivistischen in eine hermeneutische Disziplin vom Zentrum an den Rand des Universitätsspektrums gerückt.

Gerade die Namen der oben angeführten Romanisten – erklärten Anti-Positivisten – bezeugen das Gegenteil. Erich Auerbachs Mimesis ist ein Welterfolg bis heute, Hugo Friedrichs Longseller Drei Klassiker des französischen Romans ist sogar einer Hörbibliothek für Blinde einverleibt worden. Auch die germanistischen Bestsellerautoren der fünfziger und sechziger Jahre, Emil Staiger und Benno von Wiese, waren alles andere als Positivisten. Und doch wurden sie und die Germanistik überhaupt bis in die fünfziger Jahre noch von den Stützen der Gesellschaft hofiert.

Die Geringschätzung der Germanistik und der Philologie in der heutigen Öffentlichkeit hat offenkundig weit weniger mit ihren wirklichen oder vermeintlichen Mängeln als mit der Tatsache zu tun, dass die Geisteswissenschaft als Paradigma des Weltverständnisses in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts nun einmal radikal von der Naturwissenschaft abgelöst worden ist.

Freilich hat Steinfeld nicht ganz Unrecht, wenn er behauptet, mit der allzu häufigen Entfernung vom Text, also von ihrem eigentlichen Gegenstand, habe sich die Philologie selbst das Wasser abgegraben. Je mehr sie Gesellschaftswissenschaft sein will, desto weniger scheint die Gesellschaft von ihr Notiz zu nehmen. Aber man sollte das Kind nicht mit dem Bade ausschütten und der Philologie nun ihre interdisziplinäre Vernetzung, ihre Verankerung in einer umfassenden Kulturwissenschaft verwehren, der sie zweifellos ihre bedeutendsten Leistungen in jüngster Zeit verdankt. Und man möchte auch nicht den Erkenntnisgewinn einer kritischen Literaturwissenschaft missen, die Steinfeld in seinem Lobpreis der reinen, verehrenden, sammelnd-bewahrenden Philologie verdächtig ist.

Doch obwohl der bizarre Rundumschlag gegen eine Philologie, die vom Positivismus zur Geistes- und Sozialgeschichte mutierte, den Leser nicht selten zu belustigtem oder missmutigem Kopfschütteln veranlassen mag, lässt Steinfelds Essay sich doch mit Genuss lesen. Sein Plädoyer für Erlebnis, Liebe, Bewunderung, Bewahrenwollen als Initialzündungen der Philologie (die ja den griechischen Begriff der Liebe in ihrem Namen trägt), ihre Beschwörung als »Nachwelt« – all das hat einen leicht reaktionären Charme, von dem man sich gern bezaubern lässt, mögen auch die Altachtundsechziger, die überall ihre Sauertöpfe aufgestellt haben, ein derartiges Verständnis von Literatur als »affirmativ« brandmarken.

Die Beschreibung der spezifisch philologischen Techniken und Tugenden, vom Sammeln und Vergleichen über Demut und Strenge bis zum Wieder-Holen des Vergangenen als Widerstand gegen die Zeit, gegen die Furie des Verschwindens möchte man jedem als Pflichtlektüre verordnen, der sich mit der Philologie abgeben will.

Gegen die Austreibung der Lust aus der Wissenschaft

Diese Tugenden und Techniken sind auch für Ottmar Ette unabdingbar. Auch er protestiert gegen die saure ideologiekritische Miene der Studentenbewegung und die Austreibung der Lust aus der Wissenschaft, plädiert für die »genießende« Philologie à la Hugo Friedrich oder den plaisir du texte im Sinne von Roland Barthes. Die Literaturwissenschaft muss sich nach seiner Überzeugung in verschiedenen Diskursen üben, wenn sie überleben und überleben lassen will, das heißt, sie darf nicht bloß Expertenkultur sein, sondern muss das Lesepublikum (zurück)gewinnen.

Im Zentrum von Ottmar Ettes Forschung steht seit langem Alexander von Humboldt. Er ist für ihn nicht nur ein »Universalgelehrter« alteuropäischer Prägung, sondern ein Wegweiser der Zukunft, Pontifex zwischen den auseinander gerissenen Kulturen der Natur- und Geisteswissenschaft. »Humboldtian Science« nennt Ette das mit untergründiger Ironie, da ja heute alles, was zählen soll, englisch ausgedrückt werden muss. Dieser Humboldtschen Wissenschaft muss freilich ein »Humboldtian Writing« entsprechen, eine auch sprachliche Vermittlungsleistung.

Ette weist die Philologie in die genau entgegengesetzte Richtung wie Steinfeld. Zwar verlangt auch er von ihr die Rückkehr zu vielfach vernachlässigten philologischen Tugenden, aber dann fordert er den energischen Sprung nach vorn in eine »transdisziplinäre« und »Vernetzungs-Wissenschaft«. Die von Steinfeld propagierte reine Philologie und ihr positivistischer Impetus haben in Ettes Zukunftsvision nichts mehr zu bestellen.

Ettes utopischer Charme steckt ebenso an wie der reaktionäre, oder sagen wir milder: konservative von Steinfeld. Wahrscheinlich liegt die Wahrheit wieder einmal gut aristotelisch in der Mitte. Für den Literaturkritiker Steinfeld ist die Philologie eine heiß umworbene Geliebte, die er ihrem legitimen Gatten: dem Universitätsbetrieb gründlich missgönnt, für den Universitätsgelehrten Ette ist sie die holde Gattin, die er trotz ihres hohen Alters umschwärmt und für den sie – in neuen Kleidern und neuem Schmuck – ewig jung bleibt.

Wie schön aber, dass die beiden Lobredner der Philologie sich ihr statt mit apologetischer Verbissenheit wieder mit jener Liebe nähern, die in ihrem Begriff liegt. Und wenn die Liebe alles überwindet – amor vincit omnia –, dann müssen sich unsere kulturpolitischen Banausen warm anziehen, wenn sie länger wagen sollten, der Philologie allmählich den Garaus zu machen.

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  • Von Borchmeyer
  • Datum
  • Quelle (c) DIE ZEIT 24.02.2005 Nr.9
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