Riad

Wenn etwas ganz neu ist in Saudi-Arabien, erhält es eine vertraute Verpackung, damit es nicht so neu wirkt. Diese Vorsichtsmaßnahme wird auch bei den Wahlen angewendet, auf die sich das Land in diesen Wochen einlässt. Schauplatz des Experiments ist ein voller Saal in einem Geschäftsviertel von Riad. Auf dem Podium sitzen ein bis auf die Stoppeln rasierter Kandidat und zwei von jenen Rauschebärten, die im streng religiösen Saudi-Arabien stets zugegen sind, sobald etwas öffentlich wird – islamische Geistliche.

"Dieser Wahlkreis ist vom Propheten geschaffen", ruft einer der beiden Scheichs und will sagen: Hier geschieht nichts Unvorhergesehenes, nichts Umwälzendes, nichts Verbotenes. "Gut so", sagt das Schweigen der Zuschauer. Entspannt lehnen sie sich auf den roten Plüschsofas zurück und schauen Tarik al-Kasabi zu. Der Kandidat redet mit aufgerauter Stimme, die Scheichs werfen ihm dann und wann ein passendes Koranzitat zu, pakistanische Diener schenken Kaffee und süßen Tee im Publikum aus. Kein Platz ist mehr frei. Neue Sofas werden in den Saal getragen, für die draußen Wartenden. Niemand möchte das Ereignis verpassen, das, so spüren alle, doch ein bisschen revolutionär ist.

In diesem Winter wird in Saudi-Arabien der alte Gesellschaftsvertrag gekündigt. Er lautet: Der Staat zieht keine Steuern ein und alimentiert die Bürger aus den Öleinnahmen, dafür verzichten die Bürger auf jegliche Mitbestimmung. Nun wird zum ersten Mal seit fast fünfzig Jahren im Königreich gewählt. Zuerst haben am 10. Februar die Bewohner von Riad abgestimmt, bis April folgen die Saudis im Rest des Landes. Sie wählen die Lokalparlamente, von diesen allerdings nur die Hälfte. Die andere Hälfte der Gemeinderäte wird von der königlichen Regierung ernannt – wie auch die Schura, das saudische Parlament.

Mitten im saudischen Wahlkampf besucht kommende Woche Kanzler Schröder die Arabische Halbinsel. Er wird sich ein Bild davon machen, wie hell das "Feuer der Freiheit" (George W. Bush) in Saudi-Arabien leuchtet. Öffnet sich das Land allmählich? Bauen die im Petrowohlfahrtsstaat ermüdeten Männer eine mobile, offene Gesellschaft auf? Dürfen die ausgegrenzten Frauen daran vollständig teilhaben? Natürlich wird der deutsche Kanzler eher mit den Mächtigen als mit Bürgern sprechen. Deshalb kommen an dieser Stelle Letztere zu Wort. Ein Geschäftsmann, der mit geistlicher Hilfe Politiker werden will. Eine Frau, die sich freier fühlt als Frauen im Westen, obwohl sie nicht wählen darf. Ein Journalist, der wählen, aber nicht schreiben darf.

Tarik al-Kasabi klappt auf dem Podium seinen Laptop auf. Von der Seite schauen die Scheichs in weißen traditionellen Dischdascha-Gewändern auf den Bildschirm. Al-Kasabi ist online, übers Netz laufen die Fragen an den Kandidaten ein, der Scheich liest sie laut vor, al-Kasabi antwortet in den Saal.

"Sie wollen als Politiker Menschen helfen, aber was bekommen Sie eigentlich dafür?"

"Ich bin zufrieden damit, den Bürgern zu dienen. Ich habe kein materialistisches Interesse an der Politik."