Es ist erschütternd, sie so zu sehen, abgemagert, in dieser seltsamen grünen Jacke, bleich und verängstigt. In der Redaktion können viele die Tränen nicht zurückhalten. Dennoch ist dieses Video mit dem abwegigen Schriftzug "Mudschahedin ohne Grenzen" ein Zeichen dafür, dass Giuliana lebt. Nach zwei Wochen des Schweigens und der völligen Ungewissheit ist das immerhin etwas. Jedenfalls mehr als das, was Libération über Florence Aubenas erfahren hat, die seit vierzig Tagen spurlos verschwunden ist.

Wir werden gefragt, ob wir sie in diesen verstörenden Bildern wiedererkennen. Für mich gibt es gar keinen Zweifel, Giulianas erste Worte sind ihre eigenen, es ist das, was sie immer gesagt hat: "Ich bin hierher gekommen, um die Lage dieses tagtäglich sterbenden Volkes zu bezeugen."

Und dann erzählt sie von den Kindern, von den Alten, den vergewaltigten Frauen, den Cluster-Bomben. Es sind dieselben Worte, die sie bis zu ihrer Entführung Tag für Tag geschrieben hat, um denen im Irak eine Stimme zu geben, die keine haben. Um deutlich zu machen, dass die Bevölkerung gegen die Besatzung ist, und zwar die gesamte irakische Bevölkerung, ganz gleich, ob sie sich mit Waffen Gehör verschafft, ihre Wählerstimme abgibt oder alles verloren hat und nun zu Tausenden in Flüchtlingszelten ausharrt und ihre Toten beweint. Dies war Giulianas letzter Eindruck, ehe sie unweit der von Falludscha-Flüchtlingen umlagerten Moschee verschleppt wurde. Abermals sagt sie, dass die Gegenwart ausländischer Truppen Leid und Gewalt schürt, dass man der Besatzung ein Ende machen muss, wenn man der Gewalt ein Ende machen will. Und trotz der Verzweiflung in ihrer Stimme, die sich immer wieder in einem Schluchzen entlädt, ist dies ganz eindeutig unsere Giuliana.

Am meisten bestürzen uns ihre abschließenden Worte, mit denen sie sich direkt an ihren Lebensgefährten Pier wendet. Nicht weil sie so nachfühlbar sind – wer würde es ihr in einer solchen Situation nicht gleichtun? –, sondern weil dieser an ihren Mann gerichtete Hilferuf ihre eigene, zutiefst menschliche Lage als gefangene Frau deutlich macht, die nun womöglich für die Vergehen derer büßen soll, gegen die sie selbst stets gekämpft hat.

Giulianas abschließende Worte gelten allen, die sich entschlossen haben, für ihre Befreiung und für den Frieden auf die Straße zu gehen, sie gelten denen, so sagt sie, die "in all meinen Kämpfen an meiner Seite waren". In dieser zutiefst bewegenden Videobotschaft fordert sie uns auf, alles zu tun, um dem Leid des irakischen Volkes und ihrem eigenen Leid ein Ende zu machen und sie beide zu befreien.

Aus dem Italienischen von Verena von Koskull

Die Autorin ist Mitbegründerin der italienischen Tageszeitung "Il Manifesto". 1988 holte sie Giuliana Sgrena zum Blatt. Giuliana Sgrena hat seither für "Il Manifesto" – seit drei Jahren auch für die ZEIT – aus Krisen- und Kriegsgebieten berichtet, zuletzt aus Bagdad. Dort wurde sie am 4. Februar entführt