Rom

Giuliana Sgrena ist inzwischen die einzige italienische Journalistin im Irak. Die Regierung in Rom hat die Korrespondenten dringend zum Verlassen des Landes aufgefordert, wie es zuletzt während der Verschleppung der beiden Aufbauhelferinnen Simona Pari und Simona Torretta geschehen war. Damals wurden allerdings die Journalisten der staatlichen Rundfunkanstalt RAI nicht zur Heimkehr gedrängt, die seit Kriegsausbruch aus Bagdad berichtet hatten.

Das Außenministerium folgte jetzt geheimdienstlichen Hinweisen auf unmittelbar bevorstehende, weitere Entführungen. "Das Risiko einer Eskalation der Verschleppungen von Journalisten ist real", heißt es in einer Erklärung von Außenminister Gianfranco Fini. Einen Zusammenhang mit der Entführung der Manifesto-Redakteurin und ZEIT- Mitarbeiterin Sgrena wies Fini zurück. Die Journalistin hatte in einem von ihren Geiselnehmern aufgezeichneten Video ihre Kollegen angefleht, den Irak zu meiden: "Niemand darf mehr hierhin kommen, auch keine Journalisten. Alle Ausländer, alle Italiener werden als Feinde betrachtet."

"Sie könnten dich aus dem Hotelzimmer heraus entführen"

In seinem vorerst letzten Artikel aus Bagdad schreibt der Korrespondent der Tageszeitung La Repubblica, Renato Caprile, er sei von seinen Informanten gewarnt worden: "Sie könnten dich aus dem Hotelzimmer heraus entführen." Caprile: "Ich habe alles verbarrikadiert, damit mich das Geräusch geweckt hätte, wenn sie mich geholt hätten. Es hat aber nichts genutzt, ich habe sowieso nicht geschlafen." Am nächsten Morgen holten ihn drei schwer bewaffnete italienische Militärpolizisten in der Halle ab. Caprile zeigt sich nun skeptisch über den Informationsfluss aus dem Irak. "Glaubt denen nicht, die sagen, über dieses Land könne man auch von außen berichten." Die Wahrheit ist nicht embedded, lautete einer der Slogans von Il Manifesto bei der Demonstration am vergangenen Sonntag für Giuliana Sgrena. Angesichts der jüngsten Entwicklungen wächst in der Redaktion die Sorge um die Entführte. "Sie ist jetzt, ganz ohne unsere Journalisten im Irak, vollends isoliert und allein", bangen ihre Kollegen.

Aber auch für die Regierung bedeutet der Abzug der Journalisten eine dramatische Zuspitzung – und darüber hinaus das öffentliche Eingeständnis der Angst vor Erpressung: Auch nach den irakischen Wahlen ist der Frieden noch fern. Und die Italiener werden nicht als opferbereite Aufbauhelfer betrachtet, sondern als Besatzer oder eben als wertvolles Faustpfand.

In den Tagen nach der Ausstrahlung des Videos wurde in Rom alles getan, um einen Kontakt zu den Entführern herzustellen. Dabei wurden eindeutige Signale ausgesandt. Die Journalistin hatte in ihrem von den Geiselnehmern erzwungenen Appell über die verzweifelte Lage der Kinder im Irak gesprochen. Anfang der Woche wurden drei verletzte Kinder aus Nasirija ausgeflogen, um sie in Italien zu behandeln. Ähnliche humanitäre Initiativen hatte Italien auch im Fall der entführten Aufbauhelferinnen ergriffen.

Bei der Demonstration, die knapp 500000 Menschen auf die Straßen der römischen Innenstadt brachte, wurde überdeutlich, wie sehr der Fall Sgrena die italienische Irak-Politik auf den Prüfstein bringt. Die Politiker der Regierungsparteien waren der Einladung der Organisatoren – neben Il Manifesto und dem italienischen Journalistenverband verschiedene Friedensgruppen – bis auf wenige Ausnahmen nicht gefolgt. Sie argwöhnten, der Friedensmarsch würde zu einer gigantischen Anti-Berlusconi-Aktion geraten. Tatsächlich sprachen bei der Kundgebung vor dem Circus Maximus dann keine Politiker, sondern Journalisten, und Gabriele Polo, der Chefredakteur des linken Manifesto, war der Einzige, der das Ende der Besatzung im Irak forderte.