Lange haben die Schauspieler eines deutschen Films den Zuschauer nicht mehr so berührt und aufgewühlt wie die Akteure in Marc Rothemunds Sophie Scholl – die letzten Tage . Sein Film ist von durchscheinender Klarheit und feierlicher Bescheidenheit im Gebrauch dramaturgischer Mittel. Rothemund, der für sein Werk auf der Berlinale den Regiepreis erhielt, verneigt sich vor seinen Figuren und sucht vertrauensvoll ihre Nähe.

Damit aber beginnen die Schwierigkeiten. Sophie Scholl ist in Julia Jentsch so unabweisbar gegenwärtig, als käme sie aus der heutigen Zeit und als sei sie eine von uns. Bruchlos geht die Heldin in der Schauspielerin auf, und schon bald trägt die eine den Namen der anderen. Fast scheint es, als sei Julia Jentsch, die in Berlin mit dem Darstellerpreis ausgezeichnet wurde, unsere Abgesandte. In stummer Mission geht sie über eine unsichtbare Brücke zurück in die Vergangenheit, um dort unter dem Namen Sophie Scholl ein Opfer zu bringen, das uns Nachgeborenen verwehrt ist. Sie selbst übersteht ihren Auftrag nicht. Es bleibt ihre Tat, in der Wahrheit und Wahrhaftigkeit zur Einheit verschmelzen. Diese Tat legt der Film dem Publikum zu Füßen, ganz so, als müsse unsere Sehnsucht nach reinem moralischen Handeln gestillt und die Frage beantwortet werden, wie wir selbst gehandelt hätten.

Man nimmt diesem Film nichts von seiner Eindringlichkeit, wenn man feststellt, dass sein Versuch, Sophie Scholl zu unserer Zeitgenossin zu machen, die historische Wahrheit nur streift. Denn in Wirklichkeit ist uns diese junge Frau nicht nah, sondern fern und fremd. Erst recht das verschlungene Universum ihres religiösen Empfindens bleibt unserem Weltbild unverständlich. Rothemund scheint dies zu spüren und vertraut deshalb ganz auf nachholende Einfühlung und die Macht der Empathie. Darin ist sein Film anrührend und groß. Aber je mehr identifikatorische Energien er in die Vergangenheit lenkt, je mehr die Heldin zu unserer Halbschwester wird, desto mehr entfernt er sich von der Ideenwelt, die auch den anderen Mitgliedern der Weißen Rose die Kraft zum Handeln verlieh.

Waren die Widerstandskämpfer unpolitische Schwärmer?

Man irrt, wenn man glaubt, die Widerstandskämpfer seien bloß heroische Moralisten gewesen, die romantische Briefe schrieben und sich, wie Rothemund sagt, "von ihrem natürlichen Gerechtigkeitssinn leiten ließen". Tatsächlich waren Christoph Probst, Alexander Schmorell, Kurt Huber, Willi Graf und Hans Scholl akademisch gebildete Intellektuelle, die entweder von Anfang an zum Widerstand gegen Hitler entschlossen waren oder kurze Zeit später, nachdem sie zunächst noch, wie die Geschwister Scholl, bei den NS-Jugendorganisationen recht eifrig mitgemacht hatten.

Häufig ist der Weißen Rose vorgeworfen worden, sie sei zutiefst unpolitisch gewesen, eine Gruppe christlicher Schwärmer und bloße "Frucht des deutschen Idealismus", wie der stern 1968 schrieb. "Ihre Toten sind Märtyrer einer integren Gesinnung, aber nicht Gefallene im politischen Kampf."

Es mag sein, dass die frühen Huldigungen von Romano Guardini und Ricarda Huch ihren Teil zu dem Urteil beigetragen haben. Aber was war "politisch" in einer Zeit, als die kommunistische, linke und demokratische Opposition entweder ermordet oder deportiert war? Als die Kirchen verstummt oder gar selbst begeistert dabei waren? Was war politisch, als Millionen, ob Arbeiter oder Bürger, taumelnd an den Endsieg glaubten?

Um das eminent Politische an den Flugblattaktionen der Weißen Rose zu verstehen, muss man sich ihren alles entscheidenden Grundgedanken vor Augen halten: die Überzeugung, der Widerstand gegen das NS-System müsse in den Köpfen des Bürgertums und auf dem Schauplatz seiner Ideale beginnen. Das war auch der Grund, warum die Weiße Rose ihre Flugblätter anfangs nicht an die breite Bevölkerung richtete, sondern an Ärzte, Rechtsanwälte und Lehrer. Sie, die gebildeten Eliten und nicht so sehr die "Masse des deutschen Volkes", hatten 1933 versagt. Nationalistisch verblendet und stets das Lob des christlichen Abendlands auf den Lippen, hatten sie der Weimarer Republik die Luft zum Atmen genommen und der politischen Religion des Adolf Hitler zum Durchbruch verholfen.