KommentarAuf der Suche nach dem Skandal

Hochhuth und der Holocaust von 

Es ist ein großes Unglück. Der berühmte Dramatiker Rolf Hochhuth hat der Jungen Freiheit ein Interview gegeben, einer, sagen wir es vorsichtig: rechtslastigen Postille, die unter Beobachtung des Verfassungsschutzes steht. Darin verteidigt Hochhuth den britischen Historiker David Irving, der vor fünf Jahren in England als Holocaust-Leugner verurteilt worden ist, und nennt ihn einen "fabelhaften Pionier der Zeitgeschichte". Der Berliner Tagesspiegel hat das Interview entdeckt und seinerseits Hochhuth befragt, der aber, weit entfernt, davon abzurücken, noch eins draufsetzte und Irving für "sehr viel seriöser als viele deutsche Historiker" erklärte.

Das war letzten Sonnabend. Der Tagesspiegel wartete, was passieren würde. Als am Montagmorgen noch nichts passiert war, schrieb er, es sei ein Skandal, dass der Skandal nicht bemerkt worden sei. Am Montagabend schloss sich der Zentralrat der Juden in Deutschland dieser Lesart an. Es sei "bestürzend und ernüchternd", so gab die Deutsche Presse-Agentur den Vorsitzenden wieder, "dass nach der erregten NPD-Debatte hierzu weder Widerspruch noch Protest aus Kultur, Politik und Gesellschaft gekommen sei". Wörtlich sagte Paul Spiegel ferner: "Wenn Hochhuth den Briten als angeblich seriösen Wissenschaftler in Schutz nimmt, macht er sich dessen Position zu eigen und leugnet damit selbst den Holocaust."

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In der Tat. So muss man das sehen; jedenfalls wenn man sich auf den Tagesspiegel verlässt. Wenn man die Junge Freiheit zurate zieht, entdeckt man jedoch neben den inkriminierten noch andere Äußerungen Hochhuths. Zum Beispiel: "Ich bin ein absoluter Anhänger der Kollektivschuldthese!" Und: "Es ist eine Schande, dass wir noch immer nicht anerkennen: Die Weltgeschichte kennt kein mit unserem Holocaust vergleichbares Verbrechen." Und: "Ich habe selbst erlebt, wie die Juden meiner Heimatstadt deportiert wurden. Das war doch der Hitler nicht alleine! Dresden wäre ohne das, was in Auschwitz geschehen ist, nicht möglich gewesen."

Spricht so ein Holocaust-Leugner? Im Folgenden wettert Hochhuth noch gegen Jörg Friedrichs Bombenkriegsbuch ("wertlos"), bezeichnet die Zerstörung Dresdens zwar als "Kriegsverbrechen", nennt aber auch Großbritanniens Kriegseintritt "die humane Großtat der europäischen Geschichte". Gewiss, er verteidigt Irving, er kritisiert nur dessen "Wahn", Hitler habe erst "ein halbes Jahr nach Beginn der Vergasungen in Auschwitz davon gehört". Augenscheinlich hat Hochhuth die späteren Verirrungen Irvings nicht mehr zur Kenntnis genommen. Das kann man ihm vorwerfen, in der Tat, und auch den Auftritt in der Jungen Freiheit. Alles andere ist ein Missverständnis, eine Schlamperei, ein großes Unglück. So viel Bedenkliches tut sich derzeit am rechten Rand der Gesellschaft, dass man das Misstrauen nicht auch noch auf einen Dichter wie Hochhuth ausdehnen muss, der sich sein Lebtag mit der Anklage der Naziverbrechen beschäftigt hat.

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  • Schlagworte Rolf Hochhuth | David Irving | Holocaust | Kriegsverbrechen | Protest | Skandal
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