Tel Aviv

Drei Monate lang hatten die Fernsehzuschauer dem Sieger der populären TV-Reality-Show HaSchagrir entgegengefiebert. Zu Beginn der Woche stand er endlich fest, der inoffizielle Botschafter. Die Jury entschied sich für den rhetorisch begabten 27-jährigen Eytan Schwartz, der Israel ihrer Meinung nach am besten vor feindseligen Medien im Ausland vertreten könne. Als exportierbar gilt die Serie trotz ihres großen Erfolges nicht. Denn kaum ein anderen Land fühlt sich von der Welt so unverstanden. Die Hasbara, die Selbsterklärung, wäre als abendfüllendes Programm in einem anderen Land undenkbar. Der Fernsehbotschafter soll nun seine Talente während eines einjährigen Aufenthalts in New York erproben. Dabei müsste ihm eigentlich die neue, entspanntere Atmosphäre im Nahen Osten zugute kommen.

Jordanien und Ägypten, die beide Ende 2000 ihre Botschafter aus Israel zurückbeordert hatten, schicken sie wieder dort hin. Ariel Scharon wird von einer Kairoer Zeitung interviewt, die ihn vor gar nicht allzu langer Zeit als Kinderfresser dargestellt hatte. Israel lässt Gefangene frei, verhandelt über die erneute Übergabe der Städte im Westjordanland an palästinensische Sicherheitskräfte. Eine israelisch-palästinensische Segelregatta bricht dieser Tage zum Sueskanal auf. Vor allem aber wandelt sich das brutale Image von Ariel Scharon, für den Ägyptens Präsident Hosni Mubarak und die israelische Linke plötzlich viele warme Worte finden. Denn zumindest für die nächsten Monate hat der einstige Krieger einen entschlossenen Friedenskurs eingeschlagen.

Seit der Abstimmung im Kabinett am vergangenen Sonntag ist es offiziell: Am 20. Juli soll der Abzug aus Gaza stattfinden. Wenn nicht noch ein ganz dramatisches Manöver passiert, wird Ariel Scharon dann der erste Ministerpräsident sein, der sich seit 1967 ohne Friedensabkommen von besetztem Gebiet zurückzieht. Eine Volksbefragung, wie sie die Gegner des Plans fordern, hat Scharon abgeschmettert. Gleichzeitig segneten die Minister eine neue Route der Sperranlage ab, die fortan weniger tief ins Westjordanland schneiden und möglichst nahe an der Grünen Linie verlaufen soll. Dass damit die künftigen Grenzkonturen gezeichnet werden, liegt auf der Hand, auch wenn Regierungsvertreter das vehement zurückweisen.

Wer dem so genannten Trennungsplan skeptisch gegenübersteht, hat in der neuen Ära keinen Platz mehr. Der Vertrag von Moshe Ya'alon, dem derzeitigen Generalstabschef, wurde deshalb nicht mehr verlängert. Er wird seine Sachen noch vor dem Räumungsdatum packen. Den Chef des Inlandgeheimdiensts, Avi Dichter, ereilt ein ähnliches Schicksal.

Zahawa Gal'on, Abgeordnete der linken oppositionellen Yachad-Partei, spricht vom Beginn einer neuen Wirklichkeit. Sie hätte es sich nicht träumen lassen, Ariel Scharon je politisch zu unterstützen, gesteht sie. Ihre anfängliche Skepsis, ob es der Premier wirklich ernst meine mit seinem Plan, ist mittlerweile gewichen. Zwar würde sie ein Abkommen mit den Palästinensern bevorzugen - doch misst sie dem Abzug aus Gaza in jedem Fall eine enorme Bedeutung für die Räumung von weiteren Siedlungen im Westjordanland zu.

Natürlich aber bleiben Zweifel für den Tag danach. Wie sehen Scharons langfristige Pläne aus? Will er sich vielleicht bloß aus Gaza zurückziehen, um die Kontrolle über das Westjordanland zu verstärken? Sollte der Abzug womöglich als erster und zugleich letzter Schritt konzipiert sein?