Es sieht aus wie eine Fototapete, doch das Alpenpanorama ist echt. Bei guter Sicht reicht der Blick aus der voll verglasten Südfassade von der Zugspitze bis zum Watzmann. Schade, dass ihn niemand genießen kann. An den Schreibtischen in dem modern ausgestatteten Bürogebäude vor den Toren Münchens wird nie ein Mensch Platz nehmen. Nur ein Dummy sitzt dort, der orangefarbene Overall ist gespickt mit 32 hautwarmen Sensoren. Veru heißt das würfelförmige Haus auf einer Wiese in der Nähe von Holzkirchen, die Abkürzung steht für Versuchseinrichtung für energetische und raumklimatische Untersuchungen. Jeder der zwölf Büroräume ist anders konstruiert. Weltweit zum ersten Mal soll hier ein direkter Vergleich klären, welche Fassaden- und Klimatechnik am wenigsten Energie verbraucht und wie behaglich es die Mitarbeiter dabei haben.

Seit Jahren tobt ein heftiger Streit um die richtige Architektur für Bürogebäude. Während die einen wärmegedämmte Fassaden aus Stein und Beton mit mehr oder weniger großen Fenstern bauen, setzen die anderen ganz auf Glas. Oft gilt: Je potenter der Bauherr, desto transparenter sein Büropalast. Seit Mitte der neunziger Jahre schmücken Hochhäuser mit einer so genannten Glasdoppelfassade die Geschäftszentren von Großstädten. Die tragenden Elemente aus Stahl und Beton verschwinden hinter einer durchgehenden Glashaut, in der sich Himmel und Wolken spiegeln. Gerne sprechen die Architekten dabei von "Solarbauten" und schwärmen von ökologischen Konzepten und Niedrigenergiestandards. Doch häufig täuschen die Etiketten. Manch gläserner Turm ist ein großer Energieverschwender. Und die Menschen fühlen sich keineswegs immer wohl an ihren transparenten Arbeitsplätzen.

Zum Beispiel im 162 Meter hohen Post-Tower am Bonner Rheinufer. Wer in Fensternähe sitzen will, muss schwindelfrei sein. Die Aussicht ist dann zwar grandios, doch in Frühjahr und Herbst leuchtet die niedrig stehende Sonne so grell, dass selbst innen liegende Besprechungsräume zu hell sind, um dort an die Wand projizierte Folien noch erkennen zu können. Gerne kleben Mitarbeiter dann mit Tesakrepp große Papierbögen an die Scheiben, um sich Schatten zu verschaffen.

"Das optimale Verhältnis von Raumklima, Beleuchtung und Energieeffizienz ist sehr schwer zu finden." Herbert Sinnesbichler, Projektleiter des oberbayerischen Versuchsgebäudes, mag solch zurückhaltende Sätze. Wer schrille Parolen für oder gegen Glasfassaden sucht, ist falsch bei dem nüchternen Ingenieur des Fraunhofer-Instituts für Bauphysik. Lieber spricht er über all die Teufel im Detail. Zum Beispiel in dem Büro mit Alpenpanorama. Bei gutem Wetter sind die Berge in aller Pracht zu sehen, doch dann heizt die Sonne auf der gläsernen Südfassade dem Dummy mächtig ein. Um Energie für die Kühlung zu sparen, müsste jetzt der Sonnenschutz ausgefahren werden. Aber dann ist der Panoramablick weg. Ist die Sonnenjalousie auf der Innenseite der Glasfront montiert, hilft sie zwar gegen das blendende Licht auf dem Computerbildschirm, lässt aber viel Wärme ins Büro. Liegt der Sonnenschutz außen an der Fassade, bleibt das Büro zwar angenehm kühl, allerdings nur bei ruhiger Wetterlage. Bläst draußen Wind, wird die Jalousie aus Sicherheitsgründen geöffnet, und der Dummy ist wieder geblendet. Die scheinbar geniale Zwischenlösung wird im zweiten Stock von Veru erprobt: Dort befindet sich die Jalousie innerhalb des Doppelglasfensters der Außenfassade. "Energetisch ist das optimal", sagt Sinnesbichler. "Aber wenn sich eine Lamelle verklemmt, muss die gesamte Scheibe ausgetauscht werden."

Ähnliche Probleme macht die Klimatisierung. Bürogebäude mit Glasfassade werden so warm, dass nur noch an wenigen Tagen geheizt, sehr viel öfter aber gekühlt werden muss. Da liegt es nahe, alle Heizkörper einzusparen und benötigte Warmluft über die Klimaanlage zu verteilen. Doch dann zieht es. Denn trotz Doppel- oder Dreifachverglasung kühlt die Luft an der gläsernen Fassade ab und sinkt nach unten. Die Folge sind kalte Füße und leichtes Frösteln an der fensternahen Körperseite. Jeder merkt das, aber nicht jeden stört es. Der Dummy kennt kein subjektives Empfinden. Zusammen mit weiteren 1000 Sensoren, die im Testhaus verteilt sind, liefert er objektive Werte für Temperatur, Luftbewegung, Feuchtigkeit und Lichteinfall. Seine Bürokollegen werden von schwarzen Eimern simuliert, die auf Körpertemperatur erwärmt sind. Seit September laufen die Messungen, erste Ergebnisse gebe es aber nicht vor April, sagt Sinnesbichler. Und eigentlich müsse man ein Jahr lang warten, um die Bilanz von Energieverbrauch und Behaglichkeit hinter den verschiedenen Fassaden ziehen zu können.

Derartige Zurückhaltung ist Christoph Ingenhoven fremd. In Jeans und offenem weißen Hemd steht der Düsseldorfer Stararchitekt in seinem Großraumbüro, das wie eine Kommandobrücke über dem Rhein schwebt, und postuliert: "Die Geschichte der menschlichen Kultur ist proportional zur Vergrößerung der Glasflächen." Als die Menschen vor 5000 Jahren entdeckten, dass kalkhaltiger Sand mit Soda nach dem Schmelzen hart und transparent wird, nutzten sie das neue Material zunächst für Perlen und andere kleine Kunstgegenstände. Durchsichtige Butzenfenster gibt es seit dem Mittelalter. "Heute verbringen wir 85 Prozent unseres Lebens in geschlossenen Räumen", sagt Ingenhoven. Nur mit viel Glas werde das einigermaßen erträglich. Jahrelang hatte er mit seinen visionären Hochhausmodellen erste Preise in Architekturwettbewerben abgeräumt, gebaut wurde aber nichts davon. Erst 1994 traute sich der Energieriese RWE an einen Ingenhoven-Entwurf für seine neue Zentrale in Essen.

Als erstes Hochhaus mit Glasdoppelfassade sollte der 120 Meter hohe RWE-Tower ohne Klimaanlage auskommen. Auf halber Höhe, in den beiden "Techniketagen" zwischen dem 17. und 20. Stock, strömt Außenluft in große runde Öffnungen, "Fischmäuler" genannt. Sie soll den 50 Zentimeter breiten Zwischenraum der doppelten Glasfassade durchströmen und im Sommer die Hitze ableiten. Alle Büros liegen an der Außenseite des kreisrunden Turms und haben Schiebetüren, um kühle Frischluft aus dem Zwischenraum hereinzulassen. Theoretisch reicht dies fast das ganze Jahr über als Kühlung. Praktisch aber nicht. Denn schon bei leichtem Wind müssen die offenen Türen wegen der starken Luftströmung aus Sicherheitsgründen geschlossen werden. Geschieht dies nicht sofort, erinnert ein gellender Signalton daran. Wer einmal diesen Ton zu hören bekam, traut sich nie wieder, eine der Schiebetüren zu öffnen. Also werden die Büros mit künstlich umgewälzter Luft gekühlt. Wie viel Energie das verschlingt, sagt RWE nicht. Auch Klaus Daniels, der die Gebäudetechnik entworfen hat, sind die Zahlen angeblich unbekannt: "Wir sind vom Bauherrn nie darauf angesprochen worden." Schon möglich, um die Stromrechnung muss sich RWE nicht sorgen. Die verpulverte Energie produziert der Konzern schließlich selbst.

"Um den Energiekram kümmert sich doch der Klimatechniker"