Eine Probe in München beim Rundfunkorchester des BR, wo es viel Ärger gegeben hatte in letzter Zeit, weil der Sender das Orchester auflösen will. Marcello Viotti, der dem Orchester ein musikalischer Chef ist, wie selten einer zuvor, dirigiert Jules Massenets Manon. Gerade hat er für Venedig noch eigenhändig dessen Le Roi de Lahore mit rekonstruiert. Der 50-jährige Italiener liebt Massenet und das französische 19. Jahrhundert, die Musik der Schutzlosen und Glückssuchenden, verletzliche Klänge, ein einziger Strom unter dünnem Glas. Plötzlich kippt Viotti um, im Krankenhaus versetzt man ihn noch in ein künstliches Koma, vergebens. Am Donnerstag letzter Woche stirbt er, vier Kinder und seine Frau bleiben zurück.

Die Klassikszene kennt viele selbstsüchtige Dirigenten-Zampanos, die ihr Ego in den Vordergrund spielen auf Kosten jenes großen Wir, das ein Orchester ausmacht. Marcello Viotti jedoch war das sehr seltene Gegenteil zu diesem Typus. Er dachte für das Kollektiv. Und er nahm die Musik vor Interpreteneitelkeit in Schutz, wo es ging. Viotti konnte buchstäblich beflügeln, wenn er Bellini, Donizetti, Puccini oder Rossini dirigierte. Seine Passionen waren ansteckend: Das musikalische München zum Beispiel verdankt ihm einen regelrechten Run auf geistliche Konzerte, die beim Rundfunkorchester in der Reihe Paradisi Gloria gespielt wurden. Der in Lausanne gebürtige Italiener Viotti war überdies die Freundlichkeit in Person, temperamentvoll, ein geduldiger Zuhörer. Wer ihn einlud, egal, ob es die Opern in New York oder Brüssel, Mailand oder eben München waren, wusste, dass hier kein selbstgefälliger Star kam, sondern ein Dienender. Viottis Engagement für weitgehend vergessene Komponisten wie Ponchielli, Franchetti oder Halévy war beispielhaft, diesen Dienst versah er mustergültig - und selbstverständlich nie nach Vorschrift.

Seine musikalische Zukunft lag in Venedig, wo er Direttore Musicale am wiedereröffneten La Fenice war, aber auch in Salzburg (dieses Jahr sollte er dort La Traviata dirigieren) und sonstwo in der Welt schätzte man seine Arbeit. Das von der Schließung bedrohte Münchner Rundfunkorchester ließ er nicht im Stich. Die Musiker liebten ihn - und das Publikum auch.

Vor sieben Jahren gerieten Viotti und der Regisseur Hans Neuenfels - beide hatten in Wien bereits einmal zusammengearbeitet - bei einem Verdischen Nabucco für die Deutsche Oper in Berlin derart aneinander, dass die Produktion gefährdet war. Viotti war mit der Regie nicht einverstanden, blieb loyal, zeigte aber bei der Premiere deutlich, wo er stand. Va pensiero dirigierte er als Hymne an den toleranten Menschen, dem Freiheit immer und überall auch die Freiheit des Andersdenkenden ist. Die ganze Szene trug bei allem Streit etwas zutiefst Versöhnliches in sich. Musik kann das. Und Marcello Viotti konnte versöhnen - mit Musik.