Wie tastende Schritte auf dünnem, von Schnee bedecktem Eis. Winterzeitmusik. Väterchen Frost schwingt das Zepter. Kristalle stieben in die Luft, es ächzt und knirscht und knackt. Ach, ach, ach!, ruft eine Stimme, und ihr Dreiklang durchmisst die leer gefegte Welt, ach, dass ich Wassers g'nug hätte in meinem Haupte und meine Augen Tränenquellen wären, dass ich Tag und Nacht beweinen könnte meine Sünde! Johann Christoph Bach, der Eisenacher Organist, Hofcembalist und Onkel zweiten Grades von Johann Sebastian, vertont den Propheten Jeremia, und bei allen Seufzermotiven, Tritonus-Akkorden und schmerzlich-empfindsamen Lautmalereien wird man den Verdacht nicht los, dass dieser Sünder in Wahrheit alles andere als reuig ist. Die unverhohlene Emphase in der Steigerung von Tag und Nacht, die Theatralik des späteren Seu-eu-eu-eu-eufzens, das Wühlen von Geige, Bratschen und Continuo in den untersten Registern beim ach so grimmigen Zorn des Herrn - dies alles lässt weniger an eine Klage des Herzens denken als an eine Inszenierung derselben. Aber das Religiöse und das Artifizielle, Glaube und Kunst schließen sich ja bekanntlich nicht aus.

Mit Schlichtheit allerdings, mit einer Ästhetik, die alles Rhetorische aus der natürlichen Rede heraus begreift, haben auch Magdalena Kozená, Reinhard Goebel und die Musica Antiqua Köln wenig im Sinn. Kozená hat sich seit ihrer letzten Bach-Platte vor sechs Jahren mit der Musica Florea unter Marek Stryncl (Archiv Produktion 457 367) weiterentwickelt. Sie geizt weder mit Farben noch mit Flexibilität, noch mit den verführerischen Brusttönen ihres immer frischen, ein wenig zu geraden Mezzos.

Den Demutsfaktor freilich erhöht dies - paradox oder nicht - kaum, und so klaffen in einer Arie wie Mir ekelt mehr zu leben aus Johann Sebastian Bachs Kantate Vergnügte Ruh, beliebte Seelenlust textlicher Weltüberdruss und kompositorische Galanterie kräftig auseinander. Dieser Vorwurf indes ist so alt wie die Kantate selbst, Goebel und die Musica Antiqua scheren sich nicht weiter drum, sondern treten mit klanglichen Aufgerautheiten und flotten Tempi beschwingt die Flucht nach vorn an. Überhaupt gestaltet sich dieses Programm für eine Lamento-CD bemerkenswert munter: Francesco Bartolomeo Contis Kantate Languet anima mea (die Bach in Köthen selbst aufgeführt haben soll) schließt mit einem täuschend echten Händelschen Alleluja. Carl Philipp Emanuel Bachs Strophenlied Selma stürmt in durchkomponierter Atemlosigkeit voran. Und Johann Christoph Friedrich Bachs Melodram Die Amerikanerin, ein typisches lyrisches Gemählde des Bückeburger Bachs, hüpft leichtfüßig von einer erotischen Anspielung zur nächsten.

Schön ist mein Mädchen, wie die Traube, / Die durch die Blätter der Laube / Süßen Mosts beladen glänzt. Naiver und lasziver ist der Liebestod vor Richard Wagner kaum je besungen worden. Die perfekte musikalische Sklavensprache. Eine bedrohlich-exotische Welt voller Tiger, Schlangen und Skorpione. Eine Welt, wie in Ambraduft gehüllt.

Magdalena Kozená: Lamento

Mit Werken von Johann Christoph Bach, Francesco Bartolomeo Conti, Johann Sebastian Bach u. a. - Musiqua Antiqua Köln, Ltg: Reinhard Goebel (Archiv Produktion 474 1942)