Vielleicht gibt es eine ganz einfache Erklärung für den unvorhergesehenen Wahlausgang in Schleswig-Holstein. Vielleicht waren die Wähler enttäuscht von ihrer Regierung. Das wäre ihr gutes, um nicht zu sagen: demokratisches Recht. Und dass eine solche Möglichkeit kaum noch in Erwägung gezogen wird, verrät viel über den verstellten Blick, mit dem Politiker, Werber, Wahlforscher und Kommentatoren sich angewöhnt haben, die Dinge zu betrachten. Die Bilanz von SPD und Grünen nach neun gemeinsamen Regierungsjahren fällt mager aus. 180000 Arbeitslose und mehr als 20 Milliarden Euro Schulden sind durchaus Argumente für einen Regierungswechsel, auch wenn die Ministerpräsidentin sehr beliebt ist. Vielleicht wollten die Wähler in Schleswig-Holstein also nur – etwas Neues wagen?

Die Wähler? An dieser Stelle wird die politische Gleichung doch etwas komplizierter. Rund 670000 Wähler haben am vergangenen Sonntag für CDU und FDP gestimmt. Das entspricht 46,8 Prozent der abgegebenen Stimmen. Die Enttäuschung der beiden Oppositionsparteien, die sich bereits als Sieger wähnten, ist verständlich. Doch ein "klarer Regierungsauftrag", wie ihn die CDU nun patzig für sich beansprucht, leitet sich aus dem Wahlergebnis nicht ab. Vielmehr erscheint Schleswig-Holstein als zerrissenes Land: Die ländlichen Wahlkreise hat ausnahmslos die CDU gewonnen; in den Städten dominiert die SPD. Und zwar nicht nur in Kiel und Lübeck, sondern auch in Flensburg, Norderstedt, Neumünster und Elmshorn. In der Summe liegen Rot-Grün und Schwarz-Gelb in Kiel fast gleichauf, ähnlich wie bei der Bundestagswahl vor zweieinhalb Jahren.

Dass in dieser Situation der Südschleswigsche Wählerverband (SSW), die Vertretung der dänischen Minderheit, zur entscheidenden Größe wird, mag Außenstehenden als Laune des schleswig-holsteinischen Wahlgesetzes erscheinen. De facto haben alle Parteien in Kiel mit dieser Möglichkeit gerechnet. Das Privileg des SSW – der Wegfall der 5-Prozent-Hürde – gilt seit 1955. Und dass die Politik des skandinavisch orientierten Wählerverbandes besser zur SPD als zur CDU passt, wird auch seinen 51901 Wählern nicht entgangen sein. CDU und FAZ ("Rückfall in eine ständische Ordnung") dürfen ihr Sperrfeuer auf die Deutschdänen also getrost wieder einstellen.

Die Strategen in Kiel sind ohnehin weiter. Bereits am Dienstagmittag trafen sich die Spitzen von SPD und SSW zu einem ersten Gespräch über die künftige Zusammenarbeit. Sie habe das Gefühl, formulierte Heide Simonis anschließend gewunden, "dass wir uns heute darauf einigen konnten: Wir vertrauen uns." Am 17. März soll im Kieler Landtag der künftige Ministerpräsident – beziehungsweise die künftige Ministerpräsidentin – gewählt werden. Drei Wochen bleiben SPD, Grünen und SSW Zeit, um sich über die Modalitäten ihres Dreibundes zu verständigen.

Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht dabei zunächst die Bildungspolitik. SPD und Grüne haben im Wahlkampf für die Einführung einer Gemeinschaftsschule geworben. Auch der SSW unterstützt dieses Vorhaben. Alle drei Parteien berufen sich auf skandinavische Vorbilder. Schüler sollen demnach bis zur 10. Klasse gemeinsam unterrichtet werden, das dreigliedrige Schulsystem wäre in Schleswig-Holstein ein Auslaufmodell.

In der Zielsetzung stimmen SPD, Grüne und SSW zwar überein. Aber während die Sozialdemokraten zunächst auf freiwillige Kooperationen setzen und etwas unscharf von einer Übergangsphase von zehn bis fünfzehn Jahren sprechen, drängen Grüne und SSW auf eine verbindlichere Regelung. In jedem Fall wäre eine derart weit reichende Reform des Schulwesens das deutlichste Zeichen für den Willen von Rot-Grün, in Kiel etwas Neues zu wagen. Denn darin liegt die größte Herausforderung für die SPD, wenn sie tatsächlich weiterregiert: Sie muss nach 17 Jahren an der Macht noch einmal einen neuen Aufbruch organisieren – inhaltlich und personell. "Wenn uns das nicht gelingt, sieht die SPD in fünf Jahren alt aus", sorgt sich der amtierende Finanzminister Ralf Stegner. "Dem einen oder anderen ist doch klar, dass wir am Sonntag mächtig Glück gehabt haben."

Neben der Bildungspolitik stehen eine Verwaltungsreform und die Verbesserung der wirtschaftlichen Infrastruktur ganz oben auf der Agenda für die neue Legislaturperiode. Der Südschleswigsche Wählerverband vertritt auf diesen Feldern keine besonders scharf umrissene Position. "Der Verhandlungsbedarf mit den Grünen ist viel größer als mit dem SSW", sagt der Vorsitzende des SPD-Unterbezirks Kiel, Jürgen Weber. Vor allem der Weiterbau der Ostsee-Autobahn A20 sowie die Brücke über den Fehmarnbelt sind zwischen den beiden Parteien seit langem umstritten. Die SPD hat im Wahlkampf mehrfach betont, beide Projekte seien im Falle einer neuerlichen Koalition "nicht verhandelbar".

Und Heide Simonis? Die Ministerpräsidentin, selbst seit zwölf Jahren im Amt, hatte bereits vor der Wahl deutlich gemacht, dass dies ihre letzte Legislaturperiode werden soll. Wer ihre Leiden am Wahlabend verfolgt hat, ahnt, wie schwer ihr das Aufhören fallen wird.