Deutschland gehört zu den reichsten Nationen des Globus. Und der Sozialstaat soll dafür sorgen, dass dieser Reichtum auch möglichst gerecht verteilt wird. Trotzdem nimmt die Armut im Land immer mehr zu – und das nicht erst durch die Reformen der letzten Jahre. Besonders betroffen sind von dieser Entwicklung die jüngsten Generationen. Seit 1990 hat sich die Kinderarmut in Deutschland mehr als verdoppelt. Dabei gilt, dass mit der finanziellen Ausstattung auch die Lebenserwartung zunimmt. Oder, anders ausgedrückt: Je ärmer, desto kürzer das Leben.

In ihrer neusten internationalen Vergleichsstudie hat Unicef feststellen müssen, dass die Kinderarmut in den OECD-Staaten steigt. Besonders stark ist sie seit 1990 in Deutschland angewachsen. In Westdeutschland hat sich der Anteil armer Kinder in gut zehn Jahren mehr als verdoppelt und liegt jetzt bei 9,8 Prozent; im Osten sind es sogar 12,6 Prozent. Demnach leben 1,5 Millionen Kinder und Jugendliche in Familien, denen weniger als die Hälfte des Durchschnittseinkommens zur Verfügung steht.

"Kinder sind in Deutschland kein Armutsrisiko. Alarmierend aber ist die überdurchschnittliche Armut von Kindern Alleinerziehender und aus Zuwandererfamilien", sagte Reinhard Schlagintweit, Vorsitzender von Unicef Deutschland. Das Kinderhilfswerk der Uno fordert deshalb die Bundesregierung auf, mehr zu tun, "um ein Auseinanderdriften der Gesellschaft zu verhindern." Schließlich gäbe es einen klaren Zusammenhang zwischen der Höhe staatlicher Aufwendungen und der Kinderarmut. Diese sind zwar in Deutschland relativ hoch, doch fließen die Sozialausgaben vorwiegend in Altersvorsorge und das Gesundheitssystem.

Auch die Nationale Armutskonferenz (NAK) sieht in den Minderjährigen eine besonders von Armut betroffene Bevölkerungsgruppe, ebenso wie alleinerziehende Elternteile und Familien mit mehr als drei Kindern. Diese Gruppen seien auch gesundheitlich stark gefährdet: "Der Zugang der Armen zu medizinischer Versorgung ist stark rückläufig. Arme Menschen sind im letzten Jahr seltener zum Arzt gegangen", sagte Dr. Hans-Jürgen Marcus bei der Vorstellung der sozialpolitischen Bilanzen 2004 durch die NAK. Seine Organisation fordert deshalb Nachbesserungen bei der Gesundheitsreform, die zu Lasten der sozial Schwachen ging. Bereits jetzt stirbt das ärmste Fünftel der Bevölkerung sieben Jahre früher als das reichste, Tendenz steigend.

Nach Einschätzung der Organisation gehen die von Armut Betroffenen seit der Einführung der Praxisgebühr immer seltener zum Arzt. Viele würden ihre Krankheiten verschleppen, bis sie irgendwann chronisch seien. Besonders Kinder sind von den neuen Regelungen bedroht, weil bereits 13-Jährige nicht von den Zuzahlungen ausgenommen werden. Die Konferenz fordert daher, Grundsicherungs-Empfänger sowie ihre Kinder über 12 Jahren von Praxisgebühr und Zuzahlungen für Medikamente zu befreien.

Seit der Einführung der Praxisgebühr sind die Arztbesuche von Personen mit einem Einkommen unter 1.000 Euro um 19 Prozent zurückgegangen, bei Personen mit einem Einkommen über 3.000 Euro lediglich um 8 Prozent. Stattdessen werden inzwischen häufiger Notärzte zweckentfremdet, weil sie keine Praxisgebühr nehmen. Dass Kinder inzwischen schlechter versorgt werden, zeigen die Rückgänge von bis zu 30 Prozent bei den Masern-Impfungen von Kindern, wie der Kinderärzteverband meldet.