archäologie Der Retter Titan
Die Tempel der Akropolis haben viele Feinde. Was saurer Regen und Touristen übrig ließen, fiel wohlmeinenden Restauratoren zum Opfer. Ihre Kollegen müssen nun die Fehler ihrer Vorgänger ausbügeln
Die Athener Akropolis sah sich im Lauf der Jahrhunderte schon mit vielen Gegnern konfrontiert. Neben fremden Heerscharen, die brandschatzend und plündernd über den Hügel hinwegrollten, hat sie bis heute auch viele natürliche Feinde. Da ist der saure Regen, der die marmorne Oberfläche in Gips verwandelt. Oder Staub, Ruß und Metalloxide, die sich dort absetzen und den weißen Stein rötlich oder schwarz färben. An anderen Stellen nagen sich Flechten, Pilze oder Vogelkot ins Gemäuer. Sträucher und Bäume drängen unerbittlich ihr Wurzelwerk zwischen die Fugen. Erdbeben, Feuer, Eis, Bombardierungen, sogar Sprengstoffexplosionen haben die Säulen schon erlebt. Auch »zivile« Plünderer machten dem Monument zu schaffen – Steine wurden zu Hütten, Skulpturen landeten in Museen. Ganz zu schweigen von der permanenten Attacke durch die täglichen Besucherscharen.
Mit die ärgsten Feinde, denen die Tempel der Akropolis in den jüngsten Jahrzehnten ausgesetzt waren, sind jedoch die Restauratoren selbst, »Denkmalschützer«, die in frühen Restaurierungskampagnen weitaus mehr Schaden als Nutzen anrichteten. So wurden unter der Leitung von Nikolaos Balanos zwischen 1898 und 1939 zahlreiche Stäbe und Klammern aus Eisen in die antiken Steine geschoben, um Mauern und Säulen mehr Stabilität zu verleihen. Doch über die Jahre zersetzten sich die Stützen zu Rost; der drängte sich tief ins Gestein, bis er es schließlich sprengte. Das Ausmaß der Zerstörung ist von außen oft gar nicht zu sehen. »Während der Arbeiten haben wir zu unserer Verwunderung festgestellt, dass die Schäden durch ältere Restaurierungen größer sind, als wir vermuteten«, sagt Fani Mallouchou-Tufano, die heute als Archäologin an den Akropolis-Bauten arbeitet.
Als Ersatz für die rostigen Eisenstangen soll nun Titan dienen. Zum ersten Mal wird das Metall zur Stabilisierung antiker Bauwerke eingesetzt. Seine Eigenschaften sind vielversprechend. Es ist leicht und beeinflusst daher die Statik nicht, es ist äußerst haltbar und trotzdem flexibel – und es rostet nicht. Auch der Mörtel, der die zerbrochenen Steine im alten Gemäuer zusammenkleben soll, darf seine Eigenschaften nicht verändern, muss fest, aber flexibel sein. Viele moderne Restaurierungstechniken wurden auf der Akropolis erstmals getestet: die Fixierung des in Gips umgewandelten Marmors mit einer Speziallösung oder der Einsatz von Lasern zur Oberflächenreinigung.
Wenn zerstörte oder fehlende Architekturglieder ersetzt werden müssen, verwenden die Architekten wie die alten Baumeister ebenfalls Marmor. Nach den internationalen Richtlinien für die Restaurierung von Architekturdenkmälern muss das neue Material zwar mit dem alten harmonieren, sich aber doch deutlich von der originalen Bausubstanz unterscheiden. Der heute verwendete Pentelische Marmor erfüllt diese Kriterien. Und wo die neuen Architekturteile nicht von außen sichtbar sind, erleichtern die Restauratoren den Archäologen der Zukunft die Arbeit, indem sie den Steinen das Datum der aktuellen Restaurierungsarbeiten eingravieren.
Noch empfindlicher als die Gebäude selber ist deren Skulpturenschmuck. Oder vielmehr das, was davon übrig geblieben ist. Für Dauerstreit zwischen Athen und London sorgen die Metopen und Friese des Parthenon, die so genannten Elgin Marbles. Über sie herrschte zuletzt bei den Olympischen Spielen im vergangenen Jahr mal wieder diplomatische Verstimmung. Die Griechen wollten ihren Gebäudeschmuck zurück, die Briten ihn nicht hergeben. Nachdem im Sommer 1802 der damalige britische Botschafter in Konstantinopel, der siebte Earl of Elgin, die Marmorbilder absägen und ins kalte Britannien schaffen ließ, stand der Parthenon fast nackt da. Ganz nackt ist er, seit 1993 die Griechen auch noch die letzten Skulpturen abmontierten, um sie im Museum vor der Luftverschmutzung der Großstadt in Sicherheit zu bringen. Am Ende der laufenden Restaurierungsarbeiten sollen die 14 Blöcke des Westfrieses als exakte Kopien der Originale wieder auf ihren luftigen Aussichtsplatz am Gebälk zurückkehren – gefertigt allerdings aus Kunststein, der saurem Regen und Autoabgasen trotzt.
Die Tempel haben gut 2500 Jahre überdauert, sie stehen, seit Perikles Athen nach dem Persersturm wieder aufbauen ließ. Im Laufe der Jahrhunderte dienten sie außer zur Verehrung der griechischen Götter auch als Kirche, als Moschee, als Harem und als Munitionsdepot. Kein Wunder also, dass es viel zu reparieren gibt. Die Restaurierungsarbeiten dauern bereits seit 1975, seit Gründung des Komitees für die Konservierung der Akropolis-Monumente. Ihm obliegt die wissenschaftliche Überwachung, die Arbeiten führt der Acropolis Restoration Service aus. Das Geld fließt zum einen Teil aus Töpfen der Europäischen Union, zum anderen aus der griechischen Staatskasse. Und noch ist kein Ende der Reparaturen in Sicht. Kürzlich zogen Mallouchou-Tufano und ihre Kollegen Bilanz. Zwar soll bis Mitte 2006 der Tempel der Athena-Nike wiederhergestellt sein, und auch die Propyläen, der Eingang zum Tempelareal, sind fast fertig. Aber noch mindestens 15 Jahre veranschlagen die Restauratoren, bis die gesamte Anlage vor dem Zerfall gerettet ist. Sie hoffen, dass dann die Arbeit nicht wieder von vorne beginnt.
- Datum 03.03.2005 - 13:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 03.03.2005 Nr.10
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