Zwar fällt Deutschland im europäischen Wohlstandsvergleich immer mehr zurück, aber es ist nach wie vor "ein reiches Land". So sieht es die Bundesregierung, und so steht es am Anfang ihres Armuts- und Reichtumsberichts, den sie diese Woche vorstellte. Doch die kalte Dusche kommt gleich hinterher: "Soziale Ungleichheit ist eine Tatsache, und analog zur Entwicklung am Arbeitsmarkt ist sie in manchen Bereichen in den letzten Jahren gewachsen." Die Politik der rot-grünen Regierung hat ihr Ziel, Ungleichheit zu verringern, verfehlt. © Zeit.de BILD

Einkommen und Vermögen sind heute ungleicher verteilt als vor vier Jahren. Etwa bis zum Jahr 2000 wurden zwar die Reichen reicher, aber die Armen nicht ärmer. Seit einigen Jahren jedoch nimmt die Zahl der Personen in den untersten Einkommensklassen wieder zu. Kurioserweise bietet der Bericht dazu keine aktuelle Statistik.

Er belegt andererseits detailliert, dass die Zahl der Armen im Lande wächst und dass Sozialpolitik das zwar abmildern, aber nicht verhindern kann. Als arm gilt in Deutschland jeder Haushalt, der weniger als 938 Euro im Monat zur Verfügung hat. Dieser Betrag entspricht (nach internationaler Definition) 60 Prozent des Durchschnittseinkommens. In den vergangenen fünf Jahren ist das Armutsrisiko deutlich gewachsen: Der Anteil der Betroffenen stieg von 12,1 Prozent auf 13,5 Prozent.



Als zentrale Erklärung nennt der Armutsbericht die Lage auf dem Arbeitsmarkt. Von 1998 bis 2000, als die Konjunktur blühte, nahm die Zahl der Arbeitslosen und zugleich der Anteil der Armen ab. Danach geriet die deutsche Wirtschaft in eine Stagnationsphase mit schnell steigender Arbeitslosigkeit. "Für die Betroffenen", so der Armutsbericht, "bedeutet Arbeitslosigkeit akute Gefahr von Armut und sozialer Ausgrenzung." So ist die Armutsquote bei Arbeitslosen mit über 40 Prozent extrem hoch. Verstärkt wird dieser Effekt in Zeiten knapper Jobs durch die Zunahme der Teilzeitbeschäftigung, die oft nur geringen Umfang hat. Familien tragen generell ein erhöhtes Armutsrisiko, vom Abstieg besonders gefährdet sind Alleinerziehende. Eine Folge: Kinder bilden die größte Gruppe unter den Empfängern von Sozialhilfe. Unter den 2,8 Millionen Beziehern waren Ende 2003 mehr als eine Million Kinder unter 18 Jahren.


Armut muss aber kein Dauerzustand sein. Etwa zwei Drittel der Betroffenen haben nach drei Jahren den "Aufstieg" aus der Armut geschafft. Chronisch arm sind vier Prozent der Deutschen, da haben die Experten "Armutskarrieren" beobachtet, die auf die nachfolgende Generation übergreifen. Im Alter sinkt das Armutsrisiko – jedenfalls noch. Auch der Anteil der Bezieher von Sozialhilfe ist bei denen, die 65 oder älter sind, deutlich geringer als bei der Gesamtbevölkerung. Der Grund: Zur Rente kommen oft Einkünfte aus dem angesparten Vermögen.

Die privaten Haushaltehaben ein Rekordvermögen von fünf Billionen Euro angesammelt, das sind 133.000 Euro pro Haushalt. Aber heute gehören der unteren Hälfte der Haushalte nicht einmal vier Prozent des gesamten Vermögens, während allein auf das reichste Zehntel der Haushalte fast die Hälfte aller Vermögen entfällt. Der Anteil dieses obersten Zehntels ist zwischen 1998 und 2003 um gut zwei Prozentpunkte gestiegen.