TheaterszeneKampfspiele im Treibsand

Gibt es einen Ost-West-Streit im deutschen Theater? Ist der Berliner Kultursenator Thomas Flierl ein Agent dunkler sozialistischer Mächte? Wird in der Hauptstadt an einer neuen Mauer gearbeitet? Oder wächst in Zeiten der Etatkürzungen endlich zusammen, was zusammengehört? Besichtigung des Schlachtfeldes Berlin von 

Der Regisseur Christoph Schlingensief ist bester Stimmung. Gerade wurde er mit seinem Stück zum Berliner Theatertreffen eingeladen, dem Belobigungsfest des deutschen Theaters. Gleich fliegt er nach Island, wo er fürs Reykjavík Arts Festival einen Animatografen bauen wird, den ersten Teil eines begehbaren Gesamtkunstwerks, dessen weitere Bruchstücke in China, Brasilien, Namibia entstehen sollen. Auch das Museum of Modern Art (MoMA) in New York hat ihn um Zusammenarbeit gebeten.

Schlingensief sagt, die Berliner Theaterlandschaft komme ihm vor wie die deutsche Filmkultur in den neunziger Jahren: Alles Obsessive, das Fassbinderhafte, sei in dieser Phase ausgetrieben worden, und die Verwaltung habe die Macht ergriffen. Alles habe sich plötzlich "rechnen" müssen. In Island dagegen, sagt Schlingensief, wo die Alte und die Neue Welt zusammenstoßen, seien die Erdplatten so dünn, dass die Geister noch austreten könnten. Berlin hindert die Geister am Austreten. Berlin, sagt Schlingensief, ist auf Sand errichtet, das hat Heiner Müller schon gesagt, und Sand zieht alles nach unten. Berlin saugt dich aus. Es will Höchstleistungen und vergisst sie sofort.

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Die Hauptstadt machte in letzter Zeit allerdings den Eindruck, als sei ihr Sand eine Deckschicht über Mauerresten und verschütteten Abgründen, einer Unterwelt, in der Ost-West-Gespenster dahinhuschen. Wenn es um Personalien geht, wird das Attribut Ost oder West vor den betreffenden Namen geschnallt. Es heißt: der Ost-Theatermann Castorf, der West-Schriftsteller Strauß, die Ost-Bühne Deutsches Theater. Der Mann, der dieses Klima personifiziert, ist Thomas Flierl, PDS-Abgeordneter und Kultursenator. Die einen sagen, Flierl wolle neue Ost-Seilschaften in der Berliner Kulturszene installieren. Die anderen sagen, Flierl korrigiere nur Ungerechtigkeiten, die im Zuge der Wiedervereinigung entstanden seien.

Flierl hat den Ostdeutschen Michael Schindhelm zum Generaldirektor der Opernstiftung gemacht. Er hat den Westdeutschen Volker Hesse als Intendant des Ost-Berliner Gorki-Theaters abgesetzt und durch den im Westen geborenen, nach Osten und zurück in den Westen gegangenen Armin Petras ersetzt. Er hat Bernd Wilms, den West-Intendanten des Ostberliner Deutschen Theaters, durch den Ost-Schriftsteller Christoph Hein ersetzen wollen und ist damit gescheitert. Er hat den Bochumer, in der DDR aufgewachsenen Dramaturgen und Dramatiker Thomas Oberender statt Hein holen wollen und ist auch dabei gescheitert. Am Ende hat Flierl, auf Ratschluss einer seltsamen "Findungskommission", den Vertrag des alten Intendanten, Bernd Wilms, wider Willen verlängert.

Der Kultursenator hat sich mit einem ins Verhängnis verliebten Eigensinn den Ruf erarbeitet, kein Politiker zu sein. In seiner Politik ist zu viel Kunstwille, in seiner Kreativität ist zu viel Berechnung. Flierl sagt: "Sicherlich bin ich einer, der auch auf die List der Vernunft setzt, aber mein Vorteil ist: Ich bin in hohem Maße identisch mit dem, was ich mache. Nur so ist es auszuhalten. Ich habe weder einen Parteiauftrag, noch eine historische Mission oder irgendeine andere Obsession."

Flierls Sätze sind in Wahrheit länger. Der Senator spricht wie ein ans Amt gefesselter Gelehrter. Er kontrolliert sprechend das Gesprochene auf Doppel- oder Fehlbedeutungen. Seine Sätze könnten gar nicht kürzer sein, sie brauchen ihren riesigen Wendekreis, damit ihre heiklen Ost-West-Lasten nicht umkippen. Flierl gibt sich als Mann, der in den "Strukturen" agiert, um die Kunst gegen die Strukturen zu verteidigen: "Alle wollen Kulturmanager an der Spitze von Kulturinstitutionen haben, statt Rahmenbedingungen zu schaffen, die es möglich machen, dass ein Künstler dort steht."

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