computer Vom Trend, den keiner kennt
Ein Rückblick zeigt: So mancher Megatrend wird zum Flop. Und echte Hits bleiben unerkannt
Kann man Zukunft eigentlich sehen? Diese Frage steht neben einem strengen Frauengesicht, das uns forschend und illusionslos anblickt. Das Werbeplakat für die Cebit 2005 wirkt bierernst, heute macht die Zukunft ja auch vielen Angst. Vor zehn Jahren war das anders. In den Messehallen herrschte Massenandrang und Euphorie. Die lud auf einer Computerseite ein zu Ausflügen in das seltsame Land Digitalien. Und Microsoft-Gründer Bill Gates zeigte in einem aufwändigen Werbefilm seine Vision einer vernetzten Computerwelt anno 2005. War das die Zukunft, die heute Gegenwart ist?
In der kurzen Ära der Massencomputerisierung gehört das Jahr 1995 zu fast prähistorischen Zeiten. Der Fachjournalist erinnert sich an Windows 95, das zur Messe noch nicht ganz fertig war. Intel erschütterte mit dem »Pentium-Bug« das Urvertrauen in die Rechengenauigkeit seiner Chips, und schließlich war da noch der Lärm, den die Firma Sun Microsystems um ihre revolutionäre Programmierplattform Java erzeugte. Das ist wörtlich gemeint: Zusammen mit den Pressemitteilungen über Java wurden kleine Bongotrommeln verschickt. Und Kaffeebohnen. 1995 war das Jahr, in dem die ersten Internet-Cafés eröffneten und Firmen mit seltsamen Namen wie Yahoo entstanden.
An den Versprechungen von Microsoft hat sich in den zehn Jahren nichts geändert: Windows soll einfacher und sicherer werden. Mit »Trusted Computing« will das Betriebssystem Hard- und Software streng kontrollieren, mit dem Media Player soll es unerlaubte Kopien verhindern. Das war schon 1995 ein Thema, als auf der Cebit der Trend zum »Home-Center« ausgerufen wurde: ein Computer im Wohnzimmer, der alle Silberscheiben frisst und Multimedia im Hause verteilt. PC und TV sollten verschmelzen, unter dem Schlagwort Konvergenz machte das damals die Runde. Auch heute wird viel über Konvergenz geschrieben, und es gibt eine Windows Home Edition, die endlich leisten soll, was Bill Gates schon 1995 versprochen hatte. Aber das Home Entertainment blieb nicht auf Microsoft beschränkt. Heute gibt es Player, Rekorder und Mediazentralen, die unter Linux laufen, einem System, das schon vor zehn Jahren bei Programmierern beliebt war.
Zu den Trendansagen gehörte 1995 auch die Kunde, die VHS-Kassette werde von der CD abgelöst. Das ist längst geschehen, später wurde die CD durch die DVD ersetzt, deren nahes Ende die Cebit in diesem Jahr feiert. Jetzt ist die sechs Zentimeter kleine Baby-DVD der letzte Schrei. Harddisk-Rekorder brennen Filme auf so genannte HD-DVDs, die 60 Gigabyte speichern können. Und das hat Folgen. Jede Innovation bei den Datenträgern stößt ein Riesengeschäft bei den benötigten Geräten an. Wer hier mithalten will, ist alle zwei Jahre damit beschäftigt, die Inhalte seiner alten Silberscheiben auf neue Silberscheiben zu übertragen – sofern es Programme gibt, die dies ohne Einschränkungen zulassen. In Vergessenheit gerät dabei, wie fragil die Datenträger sind. Papier hält sehr viel länger als manche DVD. Schon nach zehn Jahren werden die ersten wiederbeschreibbaren Silberlinge unleserlich. Mit viel Tüftelei hat die spanische Firma Mast Storage die DVDs so getrimmt, dass ihre Daten garantiert 50 Jahre lang haltbar bleiben. Zur Cebit 2005 wird das als »Speicher für die Ewigkeit« angepriesen. In der Computerwelt liegen 50 Jahre eben weit hinter dem Horizont der Zukunft.
Brandneue Geräte entpuppen sich als Nieten – und kehren stürmisch wieder
Telefonieren und sich dabei sehen – zur Cebit 95 testeten ZEIT- Mitarbeiter die brandneuen Bildtelefone der Telekom. Doch bald darauf verschwanden die 2000 Mark teuren Geräte vom Markt. Nun dürfen die alten Witze wieder aufgewärmt werden. Arcor will die Videotelefonie für wenige 100 Euro als neuen Spaß am Telefonieren durchsetzen. »Unser Videofon ist ein Muss fürs digitale Wohnzimmer«, meldet die Arcor-Pressestelle. Bei der Breitbandkommunikation über DSL rechnet das Unternehmen bis 2010 mit einem Wachstum der Videotelefonie von 850 Prozent: So stürmisch haben sich nicht einmal die Handys in Deutschland verbreitet.
Das mobile Büro in der Jacketttasche war 1995 auch schon schwer in Mode. Als Trendgerät galt damals das von Sony und AT&T entwickelte Magic Link, das wahlweise mit Tastatur oder nur als Bildschirm-Griffel-Gerät dem Newton von Apple Konkurrenz machen sollte. Auch dieser Trend war eine Niete, das Magic Link kam nicht über die erste Testserie hinaus. Stattdessen entwickelte sich etwas, das als OmniGo auch auf der Cebit Premiere hatte. Unter diesem Namen klebte der Computerbauer Hewlett-Packard einen kompletten Stift-PDA an die Rückseite eines Nokia-Handys und verband beide Teile mit ein paar Drähten. Das Resultat war etwas kleiner als ein Ziegelstein, aber schwerer. Im Jahr darauf hatte Nokia die Technik im Griff und ließ den Ziegelstein schrumpfen. Der Nokia Communicator war das erste All-in-one-Gerät. Mittlerweile wundert sich niemand mehr, wenn Telefone Fotos schießen, Musik abspielen und mit Klingelton-Sinfonien Aufmerksamkeit erheischen. Das schnelle UMTS-Netz bringt nun auch noch das Taschenfernsehen.
Größtes Ereignis der Cebit 95 sollte die Vorstellung von Intels neuem P6-Prozessor werden, ein Rechner mit der für PCs schier unvorstellbaren Taktrate von 133 Megahertz. Doch statt Begeisterung gab es Spott. Zu frisch war die Erinnerung an das Vorgängermodell Pentium, das bei komplizierten Divisionsaufgaben versagte. Der Fehler war längst bekannt, da hatte die PR-Abteilung des Chip-Herstellers noch immer behauptet: »Intel-Prozessoren rechnen niemals falsch.«
- Datum 03.03.2005 - 13:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle (c) DIE ZEIT 03.03.2005 Nr.10
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:






