Eigentlich ist es Wahnsinn: eine Investition in eine schrumpfende Branche mit schlechter Kapitalverzinsung, die Einsteiger von außen bislang nicht vorsieht. Und doch braucht die Landwirtschaft Existenzgründer – gerade auch solche, die nicht auf einem Bauernhof aufgewachsen sind.

Seit einem Jahr erforschen Agrarwissenschaftler der Universität Kassel im Auftrag des Verbraucherschutzministeriums, wie solche Existenzgründungen erleichtert werden könnten. Ihre Überlegung: Statt Höfe ohne Nachfolger aus der Familie zu zerschlagen, sollte der Zugang zum Arbeitsmarkt Landwirtschaft geöffnet werden. Bislang finden abgebende Altbauern und suchende Existenzgründer nur selten zusammen. Die Neueinsteiger aber könnten dringend benötigte neue Ideen aufs Land bringen.

Der Kattendorfer Hof nördlich von Hamburg ist ein Beispiel für einen solchen Innovationsschub – auch wenn konventionelle Landwirte bei einer Hofbesichtigung die Hände überm Kopf zusammenschlagen würden: Schweinchen im Stroh, Kälber, die auf dem Hof herumspringen, und ein Melkstand, an dem nur vier Kühe gleichzeitig gemolken werden können. Das sieht in ihren Augen nach viel überflüssiger Handarbeit aus und nach zu wenig Kapital für neue Maschinen. Erst auf den zweiten Blick würden sie staunen: etwa darüber, wie ruhig es im Sauenstall ist und wie entspannt die als hektisch und schreckhaft geltenden Muttersauen auf die unbekannten Besucher reagieren. Oder dass die Kattendorfer kein Eiweißfutter für die Schweine kaufen müssen, weil sie die Molke aus der Käserei in die Tröge leiten – was für die jungen Schweine, ihrem Gerenne und Gequieke nach zu urteilen, eine Delikatesse sein muss.

Klaus Tenthoff arbeitet hier als einer von vier Betriebsleitern. Er ist der Sohn eines Hamburger Friseurmeisters, hat studiert, gejobbt, eine Arbeitsloseninitiative betreut und mit Ende 20 beschlossen, dass er fortan lieber Kartoffeln aus der Erde graben wolle. "Weil ich dachte, das brauche ich jetzt." Seit 14 Jahren arbeitet er nun in der ökologischen Demeter-Landwirtschaft; auf dem Kattendorfer Hof kümmert er sich um Kühe, Milch und Käse. Das Besondere: Der Hof hat eine Wirtschaftsgemeinschaft von Erzeugern und Verbrauchern gegründet. Jedes Mitglied zahlt pro Monat pauschal 120 Euro an den Hof und darf sich dafür holen, was es braucht: Milch, Fleisch, Käse, Gemüse, Getreide, Kartoffeln. Immer wenn der Hofladen geöffnet hat, so viel er möchte. Das gibt den Bauern Planungssicherheit. Es bindet die Kunden, mehr als 80 Familien, an den Hof und stellt – ökologisch korrekt – die Einheit von Ernten und Essen wieder her. "Zu unseren Mitgliedern gehören nicht nur Ökos, sondern auch Leute, die früher bei Aldi gekauft haben."

Klaus und Annette Tenthoff sind damit nicht reich geworden, und in ihrem kleinen Bauernhaus ist es längst eng geworden für die vier Kinder. Doch sie leben so, wie sie es wollen, in einer bäuerlichen Lebens- und Arbeitsgemeinschaft.

Genau das dürfte der Grund sein, warum viele Absolventen von Landwirtschaftsschulen und Universitäten monatelang nach einem Hof zum Pachten suchen, obwohl sich kaum einer Illusionen über Verdienst und Arbeitszeiten macht. "Bauer sein ist mehr als ein Beruf", sagt die Existenzgründerin Iris Weiland, die bis Ende 2004 im Kasseler Forschungsprojekt mitgearbeitet hat. "Es ist nichts, um reich zu werden, es lockt die Faszination Landwirtschaft." Das Leben auf dem Bauernhof gilt vielen als Gegenentwurf zum urbanen Leben, das sie als fremdbestimmt und technisiert empfinden. Statt Mobilität und Beschleunigung sehnen sie sich nach dem festen Rhythmus, den Tiere und Natur vorgeben. Dafür nehmen sie viel in Kauf: eine schwierige wirtschaftliche Situation, ständig fallende Preise, bis zur Gängelung gesteigerte Kontrollen und unsichere politische Rahmenbedingungen.

Nur wer eine Nische findet, kann die Pacht zahlen

Jedes Jahr schließen etwa 15000 Bauernfamilien ihren Hof. Gleichzeitig will gut die Hälfte der Landwirtschaftsstudenten einen eigenen Betrieb gründen. Nur ein Viertel aller Studenten sind jedoch Bauernkinder mit eigenem Hof. Das hat Christian Vieth in einer Umfrage für seine Diplomarbeit herausgefunden. Auch er gehört zu den Wunschbauern, die nicht vom Hof kommen, aber dorthin wollen. "Ich habe meine Kindheit auf dem Bauernhof der Nachbarn verbracht, und nach dem Zivildienst in der Landwirtschaft war klar: Ich wollte in die Praxis." Vieth ist Mitarbeiter des Arbeitskreises Hoffinder, einer Art agrarischer Gründungsoffensive als Selbsthilfegruppe. Die Agrarwissenschaftler auf Hofsuche organisieren Tagungen, Diskussionen und schreiben sich kurzerhand das Curriculum neu. Wie man einen Hof gründet, welche juristischen Hürden dabei genommen werden müssen und wie man an Kredite kommt, das alles stand bislang nicht im Lehrplan der Agrarwissenschaften. Inzwischen wählen viele Hofsucher die eigene Betriebsgründung zum Thema ihrer Diplomarbeit. Und einige arbeiten gleich im Forschungsprojekt für das Verbraucherschutzministerium weiter, suchen nach neuen Möglichkeiten, wie man bei fallenden Preisen seine Existenz als Neulandwirt sichern könnte. Bauernhof-Kindergärten, Scheunen-Partyservice, Altenpflege und Betreuung psychisch Kranker bei der Arbeit mit Tieren – das alles wird diskutiert und erprobt.