Berlin-Tempelhof hat ein neues Denkmal. Dort, wo vor einem Monat die 23-jährige Hatun Sürücü einem so genannten Ehrenmord zum Opfer fiel, werden immer wieder Blumen niedergelegt und Kerzen angezündet. Sürücü war bereits das sechste Opfer jener Verbrechen im Namen der Ehre, die in der Hauptstadt in nur vier Monaten zu beklagen waren.

Dass die schöne junge Frau als das Erste dieser Opfer überhaupt öffentlich bekannt wurde, ist beschämend, wenn man sich vor Augen hält, wie viel – berechtigte – Empörung der Mord an dem Filmemacher Theo van Gogh im letzten Herbst ausgelöst hat. Und immer noch hält sich der Protest in Grenzen: Es blieb dem Lesben- und Schwulenverband vorbehalten, eine Mahnwache für Hatun Sürücü zu organisieren, an der dann immerhin 200 Menschen teilnahmen.

Lauter als die wohlmeinenden Appelle der Teilnehmer dröhnte das Schweigen der Nichtteilnehmer, die eigentlich an vorderster Stelle hierher gehört hätten: islamische Verbände, die es ernst meinen mit ihrem Bekenntnis zu den Menschenrechten; Imame, die an die Verträglichkeit der Lehren des Korans mit dem Rechtsstaat glauben; fromme Muslime, die es nicht länger hinnehmen wollen, dass ihr Glaube zur Rechtfertigung von Frauenunterdrückung im Zeichen eines archaischen Ehrbegriffs herhalten muss.

Den Repräsentanten der Muslime in Deutschland fällt jedoch nach dem Tod von Hatun Sürücü wenig mehr ein als die schmallippige Bekundung, solche Taten hätten "mit dem Islam nichts zu tun". Wirklich? Leider sehen es, wie die Reaktionen auf Hatun Sürücüs Tod gezeigt haben, erschreckend viele in der türkischen Community anders.

Wer aber, wenn nicht die vernehmlich schweigenden anständigen Muslime, könnte jene erreichen, die Ehrenmorde, Zwangsheiraten, ja das ganze islamistische Programm der Geschlechter-Apartheid trotzig und offensiv verteidigen, wie es drei Schüler an der Berliner Thomas-Morus Schule getan haben, nur einen Steinwurf vom Tatort entfernt?

Die Verbände, die Moscheenvereine und die Gläubigen beginnen erst langsam zu verstehen, dass die Zeit der wohlfeilen Distanzierungen vorbei ist. Erst auf öffentlichen Druck hat sich etwa die Islamische Föderation Berlin durchgerungen, mit einem eigenen Appell und einem Plakat gegen Zwangsheiraten an die Öffentlichkeit zu gehen. Und Ditib, der vom türkischen Religionsministerium kontrollierte größte Moscheenverband in Deutschland, will jetzt endlich in den Freitagsgebeten auf Ehrenmorde zu sprechen kommen.

Die deutsche Mehrheitsgesellschaft hat allerdings auch keinen Grund, sich auf die Schulter zu klopfen. Man denke nur an den Fall der 24-jährigen Iranerin Zahra Kameli, die vor drei Wochen nur knapp der Abschiebung in ihr Heimatland entgangen ist. Kameli war 2001 mit ihrem Mann nach Deutschland gekommen, mit dem sie als 16-Jährige zwangsverheiratet worden war. In Deutschland hatte sie sich von ihm getrennt, einen neuen Partner gefunden und war zum Christentum übergetreten. Nach der Rückkehr ihres Ehemannes in seine Heimat sollte sie vom deutschen Staat abgeschoben werden, obwohl ihr in Iran wegen Ehebruchs und Apostasie die Steinigung drohte. Als sie im Flugzeug einen Nervenzusammenbruch erlitt, weigerte sich der couragierte Pilot, sie mitzunehmen. Erst die Lobbyarbeit von Kirchen und Menschenrechtsverbänden bewegte die Behörden dazu, Kameli eine vorläufige Aufenthaltsgenehmigung zu erteilen. Sie wird zwar nun als "Härtefall" geduldet, aber Privatleute müssen für ihren Unterhalt aufkommen. Politisches Asyl wird ihr weiterhin verweigert. Vor dem deutschen Gesetz gilt, was ihr droht, nicht als "geschlechtsspezifische Verfolgung".