was ist weiblich? Anders von Anfang anSeite 4/4
Eine Entmutigung talentierter Mädchen findet wohl auch nicht statt, denn in Amerika haben sie gerade in der Mathematik und Physik zu den Jungen aufgeschlossen, allerdings nur bis zum Bachelor. In den Doktorandenseminaren fallen sie dann hinter die Männer zurück, was sich an Technischen Universitäten wie dem MIT oder dem Caltech deutlich zeigt. Während überall sonst die Mädchen in der Mehrzahl sind, herrscht an den technischen Hochschulen fast eine archaische Verteilung von 70 Prozent Männern zu 30 Prozent Frauen – mancherorts auch 40 Prozent. »Vielleicht müssen wir einen gewissen Grad an ungleicher Repräsentation in manchen Fächern einfach hinnehmen«, meinen die Gender-Forscher Camilla Benbow und David Lubinski.
Teilchenphysik ist Mädchen nicht sozial genug
Frauen haben sich in großer Zahl in der Jurisprudenz, der Medizin, der Psychologie, den Sozialwissenschaften eingerichtet, nicht aber in Ingenieurwissenschaften, Mathematik und den Naturwissenschaften. Und wenn sie doch gelegentlich in die Naturwissenschaften gehen, dann wählen sie eher Fächer mit einer sozialeren Komponente als ausgerechnet Teilchenphysik – sie entscheiden sich etwa für Biologie, Ernährungswissenschaft oder Umweltmedizin.
Als die Harvard-Psychologin Carol Gilligan (Die andere Stimme, 1984), vor mehr als 20 Jahren herausfand, dass Jungen und Mädchen nicht nur sprachlich verschiedene Erzählstile, sondern auch eine andere Moral haben, wurde dies als die Entdeckung einer ethischen Überlegenheit der Frauen gefeiert. Jungen entschieden nach Gilligan mathematisch und regelgerecht, Mädchen fürsorglich und mitmenschlich. Obwohl sich diese moralischen Einstellungen bei Jungen und Mädchen meist überlappen, jubelte Ms., die Hauspostille amerikanischer Feministinnen, 1984: »Kleine Mädchen, die schon immer gesagt haben, dass sie Spiele, bei denen man gewinnen oder verlieren kann, nicht mögen, sind Gilligans Schlüssel für die Zukunft.«
Aber ist Die Reise nach Jerusalem mit gleich vielen Stühlen für gleich viele Kinder wirklich ein attraktives, auch nur ein funktionsfähiges Gesellschaftsmodell?
Der amerikanische Kulturkritiker Christopher Lasch beobachtete schon vor mehr als zwanzig Jahren, dass die Feministinnen hin- und hergerissen waren zwischen den Argumenten, die die Wichtigkeit der sexuellen Unterschiede minimierten, und denen, die sie übertrieben. Womöglich wäre die unaufgeregte Akzeptanz der vorhandenen Unterschiede der beste Weg, Mädchen aus dem vielerorts existierenden »Ach-wir-sind-ja-nur-Mädchen-Ghetto« herauszuhelfen.
- Datum 03.03.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 03.03.2005 Nr.10
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