DIE ZEIT: Herr Kiefer, Sie wurden am 8. März 1945 geboren. Welche Bilder kommen Ihnen in den Sinn, wenn Sie an Ihre Kindheit denken?

Anselm Kiefer: Der März 45 war ja noch Kriegszeit. Auf Donaueschingen, wo ich aufwuchs, einem Bahnknotenpunkt, fielen die Bomben. Die Franzosen waren im Anmarsch. Ich wurde im Keller des Krankenhauses geboren. Meine Eltern haben mir Wachs in die Ohren gesteckt – wie dem Odysseus, damit er nicht die Sirenen hört. Die Bomben waren die Sirenen meiner Kindheit.

ZEIT: Sie haben die Kuhmilch, die Ihre Eltern Ihnen als Säugling zu trinken gegeben haben, erbrochen. Ihre Eltern hatten Angst, dass Sie an Unterernährung sterben würden.

Kiefer: Kuhmilch verträgt kein Kind. Ich wäre um ein Haar gestorben. Abgesehen davon, dass ich als Säugling fast verhungert wäre, ging es normal weiter. Die Trümmer waren immer im Blickfeld. Das Haus neben uns wurde total zerbombt. Gerade diese Trümmer empfand ich nie als etwas Negatives. Das ist ein Zustand der Transition, des Umschwungs, der Veränderung. Mit den Steinen, die in den großen Städten von den so genannten Trümmerfrauen – heute fast schon ein mythologischer Begriff – gereinigt wurden, habe ich Häuser gebaut. Diese Trümmer waren immer der Ausgangspunkt einer Konstruktion von etwas Neuem.

ZEIT: Wie meinen Sie das?

Kiefer: Trümmer sind an sich Zukunft. Weil alles, was ist, vergeht. Es gibt dieses wunderbare Kapitel bei Jesaja, in dem es heißt: Über euren Städten wird Gras wachsen. Dieser Spruch hat mich immer fasziniert, schon als Kind. Diese Poesie, die Tatsache, dass man beides zugleich sieht. Jesaja sieht die Stadt und die anderen Schichten darüber, das Gras und wieder eine Stadt, das Gras und wieder eine Stadt.

ZEIT: Ist Ihr Vorname mehr von Ihrer Mutter oder mehr von Ihrem Vater ausgewählt worden?