Stillleben mit Buch
Wo ein Happy End traurig macht
H.G. Wells: Von kommenden Tagen
Der erste der großen neuen Mythenmacher war Jules Verne (1828 bis 1905, diesen Monat ist er hundert Jahre tot), 1864 mit der Reise ins Erdinnere, 1869 zum Mond, im selben Jahre noch mit Kapitän Nemo unter dem Meer, 20000 Meilen weit. Und er war noch lange nicht tot, da begann der andere der großen Mythenmacher, 1895 die Reise mit der Zeitmaschine, 1898 den Krieg der Welten – das war Herbert George Wells, 1866 bis 1946, er wurde noch ein paar Jahre älter als Verne, aber beide hatten ihre Jahre reichlich genutzt, sie waren unermüdlich, fast möchte man glauben, dass jeder Hunderte von Büchern schrieb, und es ist wohl auch so gewesen. Mancher verachtet so etwas und sieht lieber einen Großen schon am zweiten Buch lebenslang scheitern, aber eigentlich ist es doch sehr schön, wenn ein Autor, den wir gern lesen, uns unser Leben lang mit immer neuen Büchern versorgt.
So also Verne, und so Wells (und es ist dann auch nicht schlimm, wenn man mal zwei, drei Werke auslässt). Verne war mehr an der Technik, am Machbaren des Kommenden interessiert, Wells wird gedacht haben, das reiche nun, und wandte sich mehr dem zu, was da an menschlichen und gesellschaftlichen Dingen dahinterstecken und auf uns zukommen würde. Man denke an die vegetarischen sanftfarbenen oberirdischen Paradiese, in die der Zeitreisende gerät, und an die unterirdischen Maschinenverliese, in denen die finsteren Arbeiter wohnen, die sich dann die schönfleischigen Oberirdischen nach unten holen.
In dem kleinen Roman Von kommenden Tagen (er ist bald nach der Zeitmaschinenreise erschienen, im vorletzten Jahrhundert noch) ist die Fabel etwas weltlicher geworden, sie ist näher gerückt; die oberirdisch Wohllebenden sind die Aktionäre, die Reichen, die Mächtigen, in schreiend bunten Kleidern jetzt; neben ihnen gibt es eine mittlere Schicht, die auch noch ordentlich lebt. London, im 22. Jahrhundert jetzt, hat dreißig Millionen Einwohner, auf dem Land lebt keiner, da wird nur noch Nahrung angebaut, fabrikmäßig, kleine Städte und Dörfer sind verfallen. In diesen Großstädten wie London lebt man unter einer schützenden Klimahülle gut, außer man ist Sklave oder wird einer (Arbeitslose gibt es nicht mehr), dann lebt und schuftet man ums bloße Überleben im einheitlichen Drillichblaumann unterirdisch. Alle Dinge, schreibt Wells, seien »über jede Hoffnung auf eine Rückkehr hinaus verändert«.
George Orwell ist immer wütend, H. G. Wells aber meist gelassen
Zwei junge Leute lieben sich, sie heiraten, aber gegen den Willen der Eltern des Mädchens, die für die Tochter einen der Reicheren vorgesehen haben; das Mädchen hat sich einen Flughafenangestellten ausgesucht, der lesen und schreiben kann und für die Antike schwärmt (man liest sonst nicht mehr, sondern hört nur so etwas wie Hörbücher und Radio – Fernsehen war für Wells noch nicht in Sicht). Der Favorit der Eltern ruiniert rachsüchtig das Vermögen des Mädchens, die jungen Leute gehn aufs leere Land (man hindert da keinen), aber dann kommt nach ein paar schönen Nächten und Tagen ein Gewitter mit Hagel, böse Hunde kommen, und das Pärchen geht zurück und in der Stadt nun fast zugrunde.
Anders als später George Orwell, der immer wütend ist, ist Wells ein außerordentlich, fast möchte man sagen: entsetzlich gelassener Autor, er schreibt freundlich, ein bisschen ironisch vielleicht, aber sein Ton ist gleichmütig allem gegenüber, etwa wie der Mond, der sein neues London und das sonst leere England unterschiedslos bescheint. Er erzählt eine kleine Geschichte, und wenn man denken muss, alles geht schief (schief noch einmal innerhalb dieser ja längst schief gegangenen Normalität), dann bremst er das Geschehen ab und rettet die Armen, die ja nichts dafür können in ihrer Naivität – nicht naiv sind nur die ganz oben und die ganz unten.
Irgendetwas im Leser nimmt dem Autor natürlich das Happy End nicht ab, vielmehr graust es den Leser, als hätte er eigentlich das tapfere junge Paar sehr viel lieber untergehen sehn. Und im Grunde, sagt der Leser sich, wäre das dem Paar selbst auch lieber gewesen, so wie es am Ende nun dasitzt und aus dem Fenster aufs Land hinaussieht. Der Autor, sagt der Leser sich, rettet seine Leute wohl nur, damit er, der Leser, nicht allzu rasch und allzu genau weiß, warum er am Ende traurig dasitzt und am liebsten weinen würde.
- Datum
- Quelle (c) DIE ZEIT 03.03.2005 Nr.10
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