Spät in der Nacht mit dem Auto von Saarbrücken nach Mainz, morgens mit dem Taxi zum Bahnhof und weiter zum Flughafen; in Calgary durch die Zollkontrollen, um die Maschine nach Edmonton zu erwischen und in einem Hotelzimmer zu landen, von dem der Rezeptionist behauptet, Leonard Cohen habe hier seine Sisters of Mercy geschrieben. Viel zu früh wieder mit dem Bus zur nächsten Maschine hinauf in die kanadischen North Western Territories, wo die Stewardess eine Lokalzeitung verteilt, aus der die Annonce eines Bed and Breakfast heraussticht, dessen Adresse Norbert und ich mittags in Yellowknife dem Taxifahrer nennen, worauf dieser murmelt, es sei geschlossen, der ausgelieferte deutsche Terrorist, dem es gehöre, sitze gerade im Flugzeug nach Deutschland. Es ist, als wechselte mit den Zeitzonen auch der Zusammenhang und man geriete von einer Geschichte in die andere, rast- und ortlos, die Reise ohne einen Anfang, die Ankunft noch kein Ende.

Zwei Stunden nach dem Eintreffen in Yellowknife saßen wir im Büro der Air Tindi und bekamen samt Preis des Kanus und der Campingausrüstung den Treibstoffverbrauch des Wasserflugzeugs vorgerechnet, das uns am nächsten Tag gegen acht Uhr abends 350 Kilometer weiter nördlich absetzen sollte. Wouter Bleeker, der kanadische Geologe, hatte Wort gehalten und uns die Zielkoordinaten gefaxt, vom bestellten Führer dagegen fehlte jede Nachricht. An seiner Stelle kam ein Inuit, Baseballkappe, riesige Brille, Schnauzbart wie ein Walross, die oberen Zähne fast alle ausgefallen, dafür ein Grinsen breit im Gesicht. Er wollte bloß eine Tasse Kaffee, legte aber schließlich seinen Parka ab und sah sich mit uns die Route an: Nein, dort sei er noch nie gewesen, die Gegend kenne er trotzdem gut, ja, er habe vielleicht Lust, er heiße Ben. Wer wir seien? Ein Arzt und ein Schriftsteller? Hm…

Das Gefühl, irgendwo angekommen zu sein, stellte sich erst mit den ersten Schritten zu Fuß ein. Seinen Namen verdankt Yellowknife Pelzhändlern, die hier im vorletzten Jahrhundert auf Indianer mit kupfernen Messern trafen, und mit seinen Ausrüstern und Lebensmittelläden hat sich der Ort das Provisorische eines Außenpostens bewahrt.

Nackte Felsbuckel liegen wie Walrücken in den Gewässern

Auf dem Tisch inmitten des Kartengeschäfts sahen wir dann zum ersten Mal den schwarzen Schriftzug des Acasta River, verfolgten die Unterlängen über Senken und Seenketten bis dorthin, wo sich die Koordinaten zu jener Insel schnitten, die unser Ziel war. Seit Jahren hatte ich Artikel über die ältesten Gesteinsformationen der Erde gesammelt. Einen Berg zu besteigen, weil er da ist, wie Hillary meinte, mag Grund genug sein; doch ohne Wissen dessen, was ihn geformt hat, bleibt man blind. Vielleicht deshalb ist jede Reise auch vom Wunsch getragen, schließlich an einen Ort zu gelangen, der außerhalb von Raum und Zeit zu sein scheint. Einen solchen haben die paradiesischen Vorstellungen eines El Dorado oder Shangri-La noch in jedem Jahrhundert verheißen. Geht man diesen Mythen dann jedoch nach, erkennt man, dass jede Sehnsucht letztlich darauf gerichtet ist, sich vor dem Fremden des Eigenen zu versichern, um einen gemeinsamen Ursprung zu finden: den einen Punkt, auf den sich alles zurückführen ließe, auch das eigene Leben. Und es wird daraus eine Suche nach dem, was von diesem Punkt überdauert haben mag: nach der ersten Erde.

Von ihr also hatte ich gelesen, ihren Datierungen und Orten: von Isua nordöstlich von Nuuk, am Rande des grönländischen Eisschildes, wo sich das erste Sediment verwitterter Gebirge findet, 3,8 Milliarden Jahre alt; vom Acasta-Gneis im präkambrischen Schild Kanadas; und von den auf 4,3 Milliarden Jahre datierten Zirkonen der Narryer-Berge Westaustraliens. Während diese Kristalle jedoch nur mikroskopische Zeugnisse einer verschwundenen Erdkruste sind, ist der Gneis am Acasta als Ganzes erhalten geblieben. Ein Stück davon einmal in Händen zu halten, seine Schwere zu spüren schien mir so, als könnte man etwas berühren, das unverändert geblieben ist, real im Irrealen der Zeit.

Die Nacht ist kurz; von so viel Licht, der Luft, die einem zu Kopf steigt, bleibt ein Druck hinter der Stirn. Während die Mechaniker das Wasserflugzeug beladen, gehen wir mit dem Piloten die Route durch: Er soll uns 20 Kilometer nördlich unserer Insel absetzen und später am Little Crapaud Lake weiter südlich abholen. Von oben erscheint das von Gletschern flach geschliffene Schild als langsam abtauchender Kontinent: die nackten Felsbuckel wie Walrücken zwischen ineinander übergehenden Gewässern, das Grün der Taiga mit ihren Baumgruppen schorfig dazwischen. Als nach einer Stunde der Little Crapaud Lake vor uns auszumachen ist, packt mich eine seltsame Erregung: Das ist der Acasta jetzt; wo er einfließt, dort beginnt unsere Strecke. Der Pilot schwenkt ab, unter uns bleibt das schwarzblaue Band mit seinen Schlingen und Schleifen. Ich sehe die Insel plötzlich mitten im See und deute hinunter, da ist etwas, das metallisch aufgleißt, daneben ein Rot wie von Zelten.

Wir landen, ohne das Aufsetzen zu spüren, und laufen auf die Koniferen einer Strandlinie zu. Unterhalb unserer Schuttmoräne zieht sich ein Sandstreifen zu einer schmalen Furt hin. Er ist voller Fährten. Wölfe, Karibus, Elche und ein Bär, behauptet unser Führer Ben. Was für einer? Grizzly; vor denen aber braucht man keine Angst zu haben – wenn sie sehen, dass wir zu dritt sind, weichen sie aus. Aggressiv werden eher einzelne Schwarzbären: Kommt einer, schaut ihm nicht in die Augen, und legt euch langsam auf den Bauch, die Hände über dem Nacken. Falls mir aber etwas zustoßen sollte, ist’s besser, ihr wisst, wie das Gewehr funktioniert. Er holt eine Pumpgun aus den Bündeln und lässt Norbert und mich am Baum vor uns üben. Wir halten auf den See; in der vollkommenen Stille ist der Schuss so laut, als ginge die Welt aus den Fugen. Und als hätte die Zeit endlich innegehalten, sich verlangsamt zu menschlicheren Maßen.

"Paddel härter", schreit Ben. Plötzlich strömt Wasser ins Kanu

Wir beladen das Kanu, stoßen ab und arbeiten uns zunächst am Ufer entlang. Schwarzfichten ragen vereinzelt zwischen den Felsen auf. An ihrer Grenze geht die Taiga in Tundra über, in ein Unterholz von Weiden, Moos und Sumpf. Die Sonne sticht, das Plastik der Schwimmwesten wird heiß; wir trinken immer öfter aus der hohlen Hand, und das Wasser schmeckt süß, ohne dass der Mund dadurch weniger trocken würde. Für die erste Stromschnelle bleiben Ben im Boot und Norbert, dem die Vorstellung einer Wildwasserfahrt nie geheuer gewesen war; doch der See, kaum irgendwo tiefer als zwei Meter, fließt flach in den nächsten über, sodass beide das Kanu über Geröll schieben müssen. Ich gehe inzwischen über den Hügelrücken und stoße im Gras auf kreisrunde Rinnen neben überall verstreuten Elchschaufeln; es müssen die Reste eines Zeltlagers sein. Wir kommen gut voran.

Die nächste Stromschnelle ist nicht auf der Karte verzeichnet, ihr Rauschen aber von weitem zu hören. Dieses Mal knie ich vorne. Was vom Ufer harmlos aussah, wird im Kanu zu einem Gefälle, in dem es sich kaum steuern lässt. Paddel härter, verdammt!, schreit Ben von hinten. Ich steche mit aller Kraft in das Spritzwasser ein und stoße uns vorn von den größten Hindernissen ab, während er gegenrudert. Alles wird schneller, ich kann kaum mithalten, und in der zweiten Biegung laufen wir an den Fels, bekommen Schieflage, von der Seite strömt alles ein, breit und kalt, der erste Packen schwimmt davon, der Bug ist voll Wasser, ich steige aus, auf den Fels, und will das Kanu daran hochziehen. Lass los!, brüllt Ben, ich gebe ihm einen Stoß, stehe nur und schaue, wie er zur Mündung hinuntertreibt, das Kanu bereits unter der Oberfläche, er hilflos darin, bis zum Hals in Wasser, rechts und links unser Gepäck, das abtreibt, fast hat die Szene etwas Komisches, bis alles aus dem Blick gerät.

Norbert steht drüben, er deutet irgendwohin, aber ich sehe weder Ben noch das Kanu, nur unsere Ballen, sich mit der Strömung verfächernd, von ihr hinaus in die Seemitte geschwemmt. Ich wate zu ihm hinüber; Ben hat das Kanu zwischen zwei Bäumen hochgezogen und umgedreht, wir sind nass bis auf die Knochen. Ph!, bläst Ben die Backen auf, ich kann nicht schwimmen. Er holt sich aus der Brusttasche seine Packung Zigaretten, aber die sind ebenfalls feucht.

Norbert macht nicht die geringste gereizte Bemerkung, dafür bin ich ihm dankbar. Steht auf, sagt er bloß, wir müssen nach unserem Gepäck sehen. Ich tauche den Grund in diesem braunen Wasser ab, ohne etwas zu sehen, bis ich vor Kälte zu zittern beginne und nur zufällig mit dem Fuß an Norberts Rucksack stoße. Wir breiten das Zeug darin zum Trocknen aus: einen Schlafsack, einen Regenschutz, Pullover, Hose, Necessaire. Sonst haben wir nur mehr, was wir am Leib tragen. Alles Essen, Kochzeug und Gewehr, Kamera, das GPS, die Zelte, selbst die Angelrute ging verloren. Schlimmer ist, dass es kein Mückenspray mehr gibt; so durchnässt und erschöpft, wie wir sind, merken wir nun erst, wie sie uns durch die klammen Kleider stechen. Wir kriegen ein Feuer an und setzen uns eine Zeit lang in den Rauch: entweder Husten oder Kratzen.

Lange halten wir weder das eine noch das andere aus. In dem, was sonst Nacht wäre, jetzt im Mittsommer aber taghell ist, paddeln wir wieder los. Von unserem Gepäck finden wir noch eine Angelschnur. Doch die Karten bleiben verschwunden. Um weiter nach Süden zu gelangen, müssen wir also jede Bucht ausfahren auf der Suche nach dem nächsten Übergang. Wir wechseln uns an den Paddeln ab; Ben fabriziert aus einem bunten Stück Plastik einen Blinker. Er redet den Fischen zu: Come, fishy, fishy! I can taste you, fishy, fishy…! Wir fangen nichts.

Wir steigen auf einen Hügel und schauen: Das ist der Mäander des Flusses im Braun und Grün der Marsch, durchbrochen von den Pinselstrichen der Schwarzfichten, eine aus der Entfernung beinah bukolische Landschaft. Später ein versetzt in der Strömung treibendes Schwanenpärchen; sobald wir dem Männchen zu nahe kommen, gibt es einen Warnruf ab und flattert ungelenk mit seinen Flossen und Flügeln auf, um beim Weibchen mit einem Rauschen niederzugehen, das Bild einer in dieser Wildnis unmöglichen Schönheit.

Abends liegen wir vor dem Feuer, das wir mit den harzig aufflammenden Polstern der Schwarzbeeren füttern. Der Mond ist aufgegangen und steht ein paar Handbreit neben der Sonne. Ich habe euch für typische City-Slickers gehalten, sagt Ben trocken, aber… Nur, was interessieren euch die Steine denn? Sie sind der Anfang von allem, will ich ansetzen und gerate ins Stocken. Neun Milliarden Jahre lang war da, wo wir jetzt liegen, Leere. Es gab zwar Sterne, an Materie jedoch war noch nicht mehr vorhanden als die Rußpartikel, die wir hier riechen. Bis dieser Ruß sich zu verdichten begann, vor viereinhalb Milliarden Jahren. Hätten wir noch eine Orange, sage ich des Beispiels halber, wäre sie die Sonne, die daraus entstand, und die Erde nicht größer als ein Sandkorn in zehn Schritt Entfernung. Mann, du klingst wie die vom Discovery Channel, meint Ben; ich war schon mit Typen vom MIT im Eis, und die waren auf der Suche nach Meteoriten, die so alt sind wie das Sonnensystem, älter also noch als eure Steine morgen. Aber das ist nur Schlacke, werfe ich ein. Als ob Steine was anderes wären. Ja – bloß dass es diese zehn Schritte sind, die sie zur Erde machen: Allein in dieser Entfernung bleibt Wasser, ohne das es kein Leben gäbe, auch flüssig. Fische gibt’s deswegen aber noch lange keine, entgegnet Ben und lacht; aber red nur weiter.

Ich zähle an den Bedingungen des Lebens auf, was ich noch weiß. Wäre es nicht, bevor die Erde eine Kruste hatte, zur Kollision mit einem Planetoiden namens Theia gekommen, die den Mond entstehen ließ, gäbe es weder Tag noch Nacht, nur Monate von Licht und Dunkel. Erst dieser Einschlag beschleunigte die Erdrotation so weit, dass die Temperaturen keine extremen Ausmaße erreichten. Durch den Zusammenprall wuchs zudem die Erdmasse, sodass das Magnetfeld stark genug wurde, um die Sonnenwinde abzulenken, die sonst die Ozonschicht aufgelöst und alles Leben im Keim zerstört hätten. Hätten, hätten, wirft Ben ein; das denke ich mir auch jedes Mal, wenn ich hier an den Steinen rumklopfe, weil ich vielleicht eine Goldader finde. Wir starren ins Feuer. Und du, wendet Ben sich an Norbert, glaubst du an Gott? Norbert zuckt mit den Schultern und erwidert schließlich: Ob Steine oder Gott, es kommt aufs Gleiche raus; aber was ist mit dir, bist du gläubig? Ben hat nur auf diese Frage gewartet und sieht ihn spöttisch aus den Augenwinkeln an: Im Augenblick glaube ich lieber an eure nicht existierende Orange.

Wir nehmen den Fisch aus und braten ihn. Er schmeckt nach Gras

Steif vor Muskelkater, paddeln wir weiter, den Fluss entlang und zum nächsten See. Eine der hereinragenden Landzungen erweist sich endlich als die Spitze jener namenlosen Insel, die wir gesucht haben. Was vom Flugzeug aus metallisch geglänzt hat, ist eine kreisrunde Nissenhütte an einer Bucht, die an einem Hügelbuckel ausläuft. Über dem Eingang hängt eine Sperrholzplatte, auf die Wouter Bleeker "ACASTA CITY HALL – FOUNDED 4 BILLION YEARS AGO" geschrieben hat. Drinnen finden wir alles, was man nur brauchen kann, um hier den Sommer zu verbringen, sogar einen Grill, aber nichts zu essen, keine Angel, keine Dose, keinen einzigen Keks, vielleicht der Bären wegen. Von den Geologen keine Spur, was in der Luft nach Zelten aussah, sind leere Kerosinfässer. Wir sind allein.

Wir klettern im Geröll hinunter zur Wasserlinie und entdecken Bohrlöcher, Lunten und Sprengkapseln: Es ist der Felsbruch, dessen Gestein auf 4,03 Milliarden datiert wurde. Die scharfkantigen rauen Splitter und die Brocken, die sich nur zu zweit aufheben lassen, sind grau wie eine mit grobem Bleistift schraffierte Seite, von weißen Einsprengseln durchzogen, manchmal auch schmalen roten Adern und einem Strich tiefschwarzer Kristalle, die unter den Fingern brechen. Der Gneis selbst wirkt so unscheinbar, dass wir kaum einen zweiten Blick darauf geworfen hätten; eine Bedeutung verleiht ihm einzig, was wir wissen. Dennoch will ich aus dem Stein unwillkürlich mit dem Daumennagel etwas herauskratzen, ich kralle fast die Hand um ihn, dass wenigstens der Druck ihn in seiner Wirklichkeit bekräftigt.

Der Hunger gräbt tiefer. Wir paddeln das stehende Gewässer auf der Suche nach einem bisschen Strömung ab und fangen schließlich einen Weißfisch. Auf dem Rückweg zur Insel halten wir an einem vorgelagerten Felsrücken, auch er Stück um Stück von den Geologen freigelegt und mit nummerierten Steinchen versehen, von denen nicht zu sagen ist, was sie bedeuten; was zutage liegt, sind unzählige Striche, eine Partitur der Erde mit ihren von der Zeit gezogenen Linien, die leer bleiben, bis das Fiepen eines Strandläufers Noten darauf setzt, c, f und g, die im Blau des Himmels nachhallen.

Vor der Hütte spiele ich mit einem der Brocken und versuche, mir diese erste Erde vorzustellen, die weißglühende Fläche, die der See einmal war – zähflüssiges Magma, das beim Aushärten brodelnd Wasser ausscheidet, welches in die glasig erstarrten Klüfte des Basalts dringt, während zugleich der Dampf am Himmel als heißer Regen niedergeht: Nach 200 Millionen Jahren bereits gibt es einen Ozean. In ihm sinkt dieser Basalt wieder ab und tief in die Erde, um zu schmelzen, dadurch jedoch erneut hochzusteigen, zu Gneis nun geworden und leicht genug, um eine Insel im Meer zu bilden, an der sich weitere Gneisbögen anlagern, die nach und nach eine Landmasse formen, Hunderte von Kilometern breit. All dies zeigt die oberste Schicht dieses anthrazitfarbenen Steins, sie ist so rau und abgewittert, weil sie offen unter dem Himmel lag. Der erste Kontinent, unter einer braun durch schweflige Schwaden schimmernden Sonne; einem Mond, der dunkler, doch größer noch war, weil er der Erde näher lag; in einem Tag, der nur fünf Stunden dämmrige Helligkeit kannte und fünf Stunden Nacht.

Wir nehmen den Fisch aus und braten ihn; er schmeckt nach Gras und stillt den Hunger nicht einmal halb. Je tiefer die Sonne sinkt, desto klarer tritt der Umriss des Hügels hervor, die aufgewölbte Mitte eines Schildes. Die Klippe drüben, am anderen Ende dieser Niemandsbucht, leuchtet rötlich auf, Zeile um Zeile aus den Annalen der Erde, und es ist jetzt erst, dass der griechische Name stimmig wird für alles, was wandelbar ist, ständig im Fluss: a-casta. Doch die Sprache macht diesen Zeitraum nicht denkbar, sie kann ihn bestenfalls auf die Spanne eines einzigen Tages übertragen, um darin Kontinente und Meere in der ersten, das Leben in der vierten Stunde und uns in den letzten vier Sekunden entstehen zu lassen – doch auch diese vierundzwanzig Stunden verdanken wir dem Mond, seiner nun fahler werdenden Sichel, dessen Anziehungskraft die Erddrehung beständig bremste, bis der Tag sich längte zu diesem Kreisen der Sonne jetzt um den See.

Der Stein in meiner Hand war noch eine Weile Hitze und Druck ausgesetzt, der Granit und Gabbro in die kleinsten Risse presste, jene Kristalle, hellroten Streifen und milchigen Einsprengsel in seinem monochromen Grau; aber er ragte weiter knapp über einen Ozean, in dem bereits das Leben entstand. Das Massiv wurde vor drei Milliarden Jahren angehoben und zu Gebirgen aufgeworfen, die erodierten und sich am Meeresgrund ablagerten, aber es wuchs weiter und baute sich auf zu einem Urkontinent, der für Äonen bestand, bis Plattenbewegungen einsetzten und ihn schließlich zerrissen. Erst vor 1,8 Milliarden Jahren fügten sich seine Schollen wieder zu einer Landmasse zusammen, vor einer Milliarde erneut und vor 200 Millionen ein weiteres Mal – zu jenem Pangaea, von dem sich schließlich unsere Erdteile abspalteten, sodass Bruchstücke dieser ersten Erde heute in Montana und Wyoming liegen, im Enderby-Land der Antarktis, an der chinesisch-koreanischen Grenze, in Goa, rund um die grönländische Hauptstadt Nuuk und über Brasilien und ganz Afrika verstreut.

Es bleibt kaum Zeit, um wenigstens in die Nähe des Lake Crapaud zu gelangen, wo das Flugzeug uns abholen soll. Wir paddeln mit Blasen an den Händen, schlafen kaum, haben Hunger und erzählen uns Geschichten dagegen, bis uns keine mehr einfallen und wir wieder von vorne beginnen. Am liebsten mag ich die über Bens Vetter, der mit seiner ersten Snowmachine einen Mountie auf seiner Runde zu den Dörfern im Norden begleitete. In einem White-out blieb er in einer Schneewächte stecken, ohne es zu merken, er gab weiter Gas, bis der Polizist im Schlitten dahinter aufstand, zu ihm vorstapfte und Bens Vetter auf die Schulter klopfte, der vor Überraschung zusammenzuckte, als stände der Teufel neben ihm. In einem ähnlichen White-out gehen auch die nächsten Tage ineinander über, wir verlieren jedes Zeitgefühl.

Ein Bär schnüffelt an meinem Nacken. Sein Atem riecht verfault

Nach einem großen Sumpfgebiet geraten wir wieder zwischen die Hügel und schrecken einen Schwarzbären aus dem Unterholz. Selbst jetzt noch kann ich mich bloß an seinen großen dunklen Umriss erinnern; wir blickten ihm nicht in die Augen, traten vor ihm zurück und legten uns auf die Erde, sodass ich bloß die Sohlen von Norberts Bergschuhen vor mir sah, hörte, wie der Bär näher kam und an ihm herumschnüffelte, bis er zu mir trottete. Ich presste die Hände auf den Nacken, aber nicht, wie ich glaubte, weil er mich am Genick packen würde, sondern weil er mit der Schnauze versuchte, jeden von uns auf den Rücken zu drehen, während wir dagegen nur die Beine und Ellbogen auf den Boden stemmen konnten, seinen faulen Geruch in der Nase, seine feuchte Schnauze am Arm, eine Gewalt spürbar, der wir nichts entgegenzusetzen hatten. Das Blut schoss mir in den Bauch, ich vermochte keinen Gedanken zu fassen und war dennoch wach und klar, lebendig wie nie, bis wir nichts mehr hörten und uns vorsichtig aufsetzten, zitternd bis in die Fingerspitzen.

Zum Lake Crapaud gelangten wir nie. An dem Samstag, an dem wir das Flugzeug gegen Mittag erwarteten, waren wir noch an die 70 Kilometer von ihm entfernt. Wir hatten unsere wenigen Sachen zur Markierung ausgebreitet und horchten auf das Dröhnen der Motoren, versuchten es aus dem Summen der Mücken um unsere Köpfe herauszuhören, aber jedes Mal war es falscher Alarm. Gegen Abend kam es unvermittelt von hinter dem Hügel und flog knapp über uns hinweg. Norbert schoss die bleistiftgroße Signalrakete ab, die wir in der Hütte der Geologen gefunden hatten, doch das rote Magnesiumlicht hob sich kaum vom Himmel ab. Wir winkten vergeblich, und das Wasserflugzeug verschwand wieder hinter den Wipfeln am anderen Ufer.

Als es auch nach einer Stunde nicht zurückkehrte, zuckte Ben mit den Schultern. Müssen wir also zu Fuß zurück nach Yellowknife, meinte er stoisch; in wenigen Wochen kommt der Schnee – das heißt, wir brauchen genügend zu essen, Wintersachen und einen Schlafsack: Das macht drei Karibufelle für jeden von uns als Kleidung und noch mal sechs, um uns einen Schlafsack zu nähen; sie zu erlegen ist nicht schwer, die Herden laufen fast blind an einem vorbei. Was er da sagte, schien völlig normal – und wäre es vielleicht auch geworden, wenn uns das Flugzeug am nächsten Vormittag nicht doch noch gesichtet hätte. Begrüßung gab es kaum eine, die Piloten waren missgestimmt, weil sie nicht wussten, ob sie auch zu ihrem Geld kommen würden.

Raul Schrott ist Schriftsteller und lebt in Irland. Dieser Tage erscheint im Hanser Verlag sein "Handbuch der Wolkenputzerei", gesammelte Essays

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