Kulturnation Das hat Humboldt nie gewolltSeite 4/4
Diese Form der intrinsischen Motivation ist dem ökonomischen Denken und der durch dieses Denken geprägten Politik fremd. Wenn von Seiten der Wissenschaftspolitik Maßnahmen diskutiert werden, wie man Leistungsanreize geben kann, um Professoren zu einem stärkeren Einsatz zu bringen, dann zeigt dies lediglich, dass hier zwei Weltanschauungen aufeinander treffen. Die der intrinsischen Motivation durch die Wissenschaft einerseits, deren Ausdruck das Humboldtsche Universitätsideal ist, und die in den Kategorien des Homo oeconomicus denkende Politik. Da es nicht sein kann, dass jemand hoch motiviert, intensiv und lange arbeitet, ohne entsprechende ökonomische Leistungsanreize zu haben, müssen diese eingesetzt werden, um die Professoren erst dazu zu bringen, hoch motiviert, intensiv und lange zu arbeiten.
Das neue politische Interesse an Bildung bietet die Chance, sich in Deutschland auf seine traditionellen Stärken zu besinnen. Die Gefahr liegt in einer ökonomischen und politischen Instrumentalisierung zweier sensibler Kraftzentren der Gesellschaft, die sich nur aus sich selbst heraus entwickeln können und deren politische und ökonomische Steuerung großen Schaden anrichten kann. Was fehlt, ist eine geistige Perspektive, der es nicht um Organisationsformen, sondern um die Erneuerung dessen geht, was man als humanistische Substanz unseres Bildungswesens bezeichnen könnte.
Logik, Rhetorik, Grammatik machten diese Substanz für die Frühhumanisten aus. Logik, Physik und Ethik für die Stoa der Antike. Persönlichkeitsbildung in der Einsamkeit und Freiheit des Forschens für den Humboldtschen Neohumanismus.
Aktualisieren wir dieses Spektrum: eigenständige Urteilskraft, intrinsische Motivation, Stärke der Persönlichkeit, Empathie, kulturelle Offenheit, Sprachen als Schlüssel zu zeitgenössischen und vergangenen Lebenswelten, historisches Bewusstsein, Orientierungswissen, auch mathematisch-naturwissenschaftliches, statt Vielwisserei. Deutschland sollte sich in diesem Sinne wieder als eine Bildungs- und Kulturnation definieren. Wenn es dabei am wenigsten an den unmittelbaren ökonomischen Nutzen denkt, wird dieser am größten sein. Bildung darf nicht lediglich der Ausbildung dienen, nein, paradoxerweise ist Bildung spätestens heute zur besten Ausbildung geworden.
Der Verfasser ist Ordinarius für Politische Theorie und Philosophie an der Universität München und war zwei Jahre lang Kulturstaatsminister im ersten Kabinett Schröder
- Datum 03.03.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 03.03.2005 Nr.10
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