In Robert Musils Roman Der Mann ohne Eigenschaften gibt es eine wunderbare Passage über den Antihelden Moosbrugger. Natürlich zielt sie nicht auf Anton Bruckner. Und doch könnte sie auf dessen Fünfte Sinfonie gemünzt sein, jedenfalls dann, wenn Nikolaus Harnoncourt sie dirigiert (BMG 82876 60749): Und dann tanzte Moosbrugger vor ihnen. Tanzte würdig unsichtbar, er, der im Leben mit niemand tanzte, von einer Musik bewegt, die immer mehr zu Einkehr und Schlaf wurde, zum Schoß der Gottesmutter und schließlich zur Ruhe Gottes selbst, zu einem wunderbar unglaubwürdigen und tödlich gelösten Zustand - tanzte tagelang, ohne daß es jemand sah ... Harnoncourt lässt den im Leben so ungelenken Meister tanzen, ausgerechnet in dessen gestrenger Fünfter Sinfonie. Bruckner selbst nannte sie sein kontrapunktisches Meisterwerk, die Nachwelt glaubte wahlweise die Tragische, Faustische oder Katholische zu hören. Ein Widerspruch? Mitnichten. Harnoncourt und die schlicht himmlisch spielenden Wiener Philharmoniker nehmen der Fünften nichts von ihrer Größe, der geradezu besessenen kontrapunktischen Konsequenz. Auch eröffnen sie dem Hörer Klangwelten von erschütternder Gewalt. Und doch darf Anton Bruckner sich wiegen, würdevoll, aber schwerelos, nicht nur im Scherzo, das der österreichische Altmeister Harnoncourt wundervoll in der Schwebe hält zwischen Tanzboden und Kunstmusik. Geschult am Geist der Alten Musik und der maßgeblich von ihm entwickelten Idee der Klangrede, schwört er die Wiener auf genau überlegte Phrasierungen und intelligent dosiertes Vibrato ein. Er insistiert auf schweren und leichten Taktzeiten, feilt unerbittlich an der Klangbalance zwischen Bläser- und Streichergruppen. Im Interesse der Deutlichkeit werden Melodie- und Begleitstimmen unterschiedlich artikuliert, Töne angestochen, und der Klang wird sofort wieder ausgedünnt, um den Melodiestimmen Raum zu geben. Das Ganze ist von überwältigender Transparenz, dynamisch abgestuft bis an die Grenze zum Unhörbaren und besitzt etwas Schwebendes und Federndes zugleich. Im langsamen Satz vielleicht eine Spur zu viel. So zwingend logisch Harnoncourts Tempi wirken, das Adagio kommt arg hurtig, fast wie ein Andante daher. Da nimmt er Bruckners Alla-breve-Vorschrift sehr beim Wort - einziger Einwand gegen diese grandiose Bruckner-Deutung aus mozartschem Geist.